Aktion Ehrensache : Frühstück mit Ingrid

"Evas Haltestelle" bietet wohnsitzlosen Frauen Schutz. Eine pensionierte Richterin hilft dort regelmäßig – mit Gesprächen und Rat.

Patricia Hecht
Fuhrmann
Reine Frauensache. Ingrid Fuhrmann, 78, trifft sich einmal die Woche mit wohnsitzlosen Frauen in Wedding. -Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Der Tisch ist liebevoll gedeckt. Kerzen brennen, Kaffee und Tee sind schon gekocht, es gibt Brötchen und für jede ein Frühstücksei. Ein gedeckter Tisch ist für die 30 Frauen, die heute morgen hier essen, keine Selbstverständlichkeit. Sie alle sind Besucherinnen von „Evas Haltestelle“, einem Projekt für Frauen, die von Obdachlosigkeit bedroht sind oder bereits auf der Straße leben.

Ingrid Fuhrmann ist eine von jenen, die dieses Frühstück vorbereiten. Die 78-Jährige engagiert sich seit der Gründung der Einrichtung vor zwölf Jahren ehrenamtlich in „Evas Haltestelle“. „Zu uns kommen Frauen, die kein Glück hatten im Leben und irgendwann ganz unten angekommen sind“, sagt sie. „Wir versuchen, sie ein wenig aufzufangen.“ Einmal wöchentlich fährt Ingrid Fuhrmann deshalb von Charlottenburg nach Wedding, macht Frühstück, das rein aus Spenden finanziert wird, nimmt sich Zeit für die Frauen und ist offen für Gespräche und Fragen. Früher war sie Richterin am Sozialgericht. „Arbeitslosigkeit hat damals noch nicht dieselbe Rolle gespielt wie heute“, sagt sie. „Aber mit Frauen, die zu kurz gekommen sind, hatte ich auch am Gericht schon zu tun.“

Am Eingang von „Evas Haltestelle“ hängt ein altes gelb-grünes Bushaltestellenschild. Die Räume sind einfach, aber freundlich eingerichtet: Fotos von einem gemeinsamen Ausflug nach Potsdam hängen an der Wand, Vorhänge in den Fenstern verhindern neugierige Blicke. Einigen Besucherinnen, mit denen Ingrid Fuhrmann heute am Tisch sitzt, sieht man die Armut nicht an. Bei anderen verraten die abgetragenen Kleider, strähnige Haare oder die Habseligkeiten in einem kleinen Ziehwagen, dass sie heimatlos sind. Immer wieder kommt Ingrid Fuhrmann mit einer der Frauen ins Gespräch. Manche bräuchten Wochen oder Monate, um endlich von sich zu erzählen, sagt sie. Andere seien geradezu ausgehungert auf der Suche nach jemandem, der ihnen zuhört. Wenn gar niemand mehr da sei, um sich auch nur die kleinen Katastrophen wie etwa die Geschichte von einem verlorenen Schlüssel anzuhören, mache sie das eben.

Ingrid Fuhrmann, in Schlesien aufgewachsen, lebt seit mehr als 50 Jahren in Berlin. Immer präsent war in ihrem Leben der Glaube: Sie wirkte lange im Kirchenvorstand, heute ist sie im Pfarrgemeinderat ihrer Charlottenburger Gemeinde aktiv. Auch der Kontakt zu „Evas Haltestelle“, einem Projekt des Sozialdienstes katholischer Frauen, kam so zustande. Der Glaube, sagt sie, sei die Grundlage ihres Engagements. Für die Frauen spielt Religion aber kaum eine Rolle. Die wenigsten wollen sich auf ein gemeinsames Innehalten oder ein Gebet vor dem Frühstück einlassen.

Der Mittwochmorgen bedeutet für die Besucherinnen ein kurzes Auftanken, eine halbe Stunde Pause vom Alltag. Trotz des gemeinsamen Essens will ungetrübte Fröhlichkeit nicht aufkommen. Besonders im Winter, sagt Ingrid Fuhrmann, sieht man deutlich, wer keine Möglichkeit zum Übernachten gefunden hat. In „Evas Haltestelle“ können die Frauen nach dem Essen auch duschen oder ihre Kleidung waschen. Eine Sozialarbeiterin ist da, falls es Probleme gibt, Streit untereinander etwa: „Viele sind eifersüchtig, wenn andere mehr ergattern“ – sei es Aufmerksamkeit, Brötchen oder Kleidung.

Ingrid Fuhrmann steht den Frauen als ehemalige Richterin auch in juristischen Fragen beratend zur Seite. Oft geht es um scheinbar Banales: Fristen zu wahren, Absprachen ernst zu nehmen. Auch Mietverträge können Thema sein: „Viele müssen wohnen erst wieder lernen.“ Aber es sei schwerer geworden, nach der Obdachlosigkeit in ein strukturiertes Leben zurück zu finden, sagt Ingrid Fuhrmann. Und es ist bedrückend für sie, wenn die Frauen nach einem scheinbar geglückten Neuanfang doch wieder auftauchen.

Oft nimmt sie die Probleme, die sie in der Haltestelle beschäftigen, mit nach Hause – dass die Besucherinnen immer jünger werden etwa. Manchmal aber hilft ihr die Arbeit auch, mit dem eigenen Leben umzugehen. Als ihr Mann vor zwei Jahren starb, pausierte Ingrid Fuhrmann ein Jahr. „Ich bin gerne wieder gekommen“, sagt sie. „Ich werde hier gebraucht. Und ich frage mich: Wer, wenn nicht du, und wann, wenn nicht jetzt.“

Informationen im Internet unter www.skf-berlin.de

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