Aktion Ehrensache : Ich leih’ mir eine Familie

Wenn Mädchen und Jungen Großeltern fehlen und Erwachsene gerne Enkel hätten, gibt es eine Lösung: In Lichtenberg kümmern sich ehrenamtliche Paten um die Kinder junger Eltern.

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Antonia und ihre Leih-Großeltern. -Foto: Mike Wolff

Noras Wünsche passen in ein blaugrün lackiertes Kästchen mit fünf Schubladen. Frühling, Sommer, Herbst und Winter steht auf vier von ihnen. Passend zur Jahreszeit hat die Neunjährige auf kleine Zettel geschrieben, was sie gerne machen und erleben würde: Plätzchen backen, vom Fernsehturm gucken, schwimmen gehen.

Fast jede Woche geht ein Wunsch in Erfüllung: Einen Tag des Wochenendes verbringt Nora mit ihrer ehrenamtlichen Leih-Patin Barbara Gutsche. Meistens kochen sie zusammen in Barbara Gutsches Küche, danach stehen Ausflüge auf dem Programm. „Nora ist ein ganz tolles Mädchen“, sagt Barbara Gutsche, während sie Kartoffeln schält. „Ich hätte ohne Frau Gutsche ganz viel nicht gemacht und könnte in der Schule nicht davon erzählen“, sagt Nora.

Barbara Gutsche, 52, musste vor einigen Jahren aus gesundheitlichen Gründen ihren Beruf als Kosmetikerin aufgeben. Ihre beiden Töchter waren aus dem Haus, sie lebte als Single. „Ich mag Kinder und wollte nicht auf Enkel warten“, sagt sie. Also nahm sie Kontakt zum Familientreff Allerlei in Lichtenberg auf, den sie aus der Zeitung kannte. Noras syrische Familie wurde dort bei der Betreuung ihrer Schwestern unterstützt, die beide geistig behindert sind und im Rollstuhl sitzen. „Für Nora blieb oft wenig Zeit“, sagt Barbara Gutsche. Der Familientreff war deshalb auf der Suche nach einer Patin.

Nora und Barbara Gutsche mochten sich schon beim ersten Treffen auf Anhieb. „Wir passen gut zusammen“, sagt Barbara Gutsche lachend, „wir sind Plaudertaschen.“ Tatsächlich: Still sind die beiden den ganzen Nachmittag nicht. Anfangs, sagt Nora, habe ihre Leih-Patin sie nur zum Schwimmunterricht gebracht. Weil es so viel zu erzählen gab, wurden die Treffen aber bald länger. Von Anfang an achtete Barbara Gutsche darauf, dass Nora Spaß hat, zugleich aber auch gefördert wird. Weil Nora ein wenig rundlich war, kochten die beiden nur gesunde Mahlzeiten. Weil das Mädchen zu Hause oft vorm Fernseher sitzt, gehen sie auf den Spielplatz oder mit Barbara Gutsches gutmütiger Schäferhündin spazieren. Und weil Nora so wenig von Berlin kannte, fährt das Duo mit dem Doppeldecker durch die Stadt oder geht auch mal in den Tierpark. „Nora kann sich Neues erst wünschen, wenn sie weiß, was man alles machen kann“, sagt Barbara Gutsche.

Mittlerweile stehen ein Paar Hausschuhe von Nora bei Barbara Gutsche, und die Leih-Patin liest Kinderbücher, um zu wissen, was die Neunjährige gerade beschäftigt. Das Engagement koste zwar Zeit, sagt sie, aber sie bekomme so viel zurück, dass sie die gerne investiere. Hin und wieder trifft sie sich auch mit Noras Mutter, um die Bedürfnisse abzustimmen. „Ich finde es toll, dass sie mir so viel Vertrauen entgegenbringt“, sagt Barbara Gutsche. Und weil sich Nora so gut entwickelt, überlegt sie sogar, noch eine weitere Patenschaft zu übernehmen.

Auch heute kommen wieder neue Zettel in das blaugrüne Wunsch-Kästchen, das in Barbara Gutsches Wohnzimmer steht. In der Schule lernt Nora gerade die Verkehrszeichen und hat die ersten Meter mit dem Fahrrad zurückgelegt . Radfahren zu üben fände sie also toll. Eine fünfte Schublade des Kästchens wird mittlerweile immer voller: „Erledigt“ steht darauf.

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