Berlin : Aktionskunst: Tote Kuh muss für die Kunst zur Erde stürzen

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Kopfüber, nackt und blutend soll der Künstler Wolfgang Flatz an einem Kran hängen, wenn heute Abend in der "Berliner Backfabrik" zu Musik und Feuerwerk eine tote Kuh aus einem Hubschrauber 40 Meter tief fällt. Viele Berliner sind empört über die Aktion, ein Tierschutzbund will sie gerichtlich verbieten lassen. Auch die zuständige Stadträtin würde das unappetitliche Spektakel in der Prenzlauer Allee gern verhindern, sieht aber keine rechtliche Möglichkeit dazu.

Ines Saager (CDU), Stadträtin für Umwelt, Gesundheit und Natur in Prenzlauer Berg, sagt, dass lediglich der Hubschrauberflug vom Senat genehmigt werden müsse. Der Bezirk sei machtlos: "Es ist leider nicht genehmigungspflichtig, wenn sich jemand ein Suppenhuhn kauft, aus dem Fenster schmeißt und das dann Kunst nennt." Das Bezirksamt will die Prenzlauer Allee in Höhe der Saarbrücker Straße wegen des erwarteten großen Andrangs an Schaulustigen "zeitweise sperren". Die Kuh selbst soll auf dem Gelände der Brotfabrik in eine etwa drei Meter tiefe Baugrube fallen.

Der Bezirk habe "das Lebensmittelrecht so weit ausgeschöpft, wie es irgendwie ging". Der Kadaver müsse auf Seuchen untersucht werden. Ein Mitarbeiter werde die Einhaltung sämtlicher Auflagen überwachen. Laut Saager haben sich schon mehrere Bürger über die Aktion des 48-jährigen Künstlers beschwert. Der Tierschutzverein Berlin-Brandenburg e.V. hat das Verwaltungsgericht angerufen, damit die Kuh am Boden bleibt. Wann das Gericht entscheidet, sei unklar. Sprecherin Karin Hardekopf: "Jugendliche könnten so erst auf die Idee kommen, Tiere aus einem Hochhaus zu werfen." Der in Österreich geborene Wolfgang Flatz hat mit seiner Kunst schon oft provoziert. Einmal hängte er sich kopfüber in die Synagoge der georgischen Hauptstadt Tiflis und läutete mit seinem Kopf als Glockenklöppel, bis er bewusstlos wurde. Einmal ließ er sich für ein Preisgeld von 500 Mark mit Dartpfeilen bewerfen. Jetzt soll, wenn die Kuh gefallen ist und Flatz singend am Kran hängt, sein eigenes Blut auf zwei Paare tropfen, die zur Melodie "An der schönen blauen Donau" tanzen.

Das Blut sei echt, versichert Martina Lülsdorf von der Veranstaltungsagentur. "Sich über ein totes Tier aufzuregen, dass ohnehin geschlachtet würde, ist lächerlich", sagt Wolfgang Flatz. Der Hubschrauberflug seifür heute 21 Uhr angemeldet, die Kuh bestellt. Das Tier stamme aus Brandenburg und wird Donnerstagmorgen geschlachtet.

"Für so ein grausiges Event habe ich überhaupt kein Verständnis. Wenn das als Kunst ausgegeben wird, ist der Kunstbegriff erheblich überdehnt", sagte André Schmitz, Chef der Senatskanzlei, vormals Intendant der Deutschen Oper. Eine andere Meinung vertritt da Matthias Reichelt, Mitarbeiter bei der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst: "Auf jeden Fall muss Kunst so etwas zulassen." Was Kunst dürfe oder nicht, sei "ein ganz heißes Eisen". Es stehe ja jedem frei, darüber zu diskutieren. Er könne sich schon vorstellen, dass diese Aktion vielfältige Assoziationen zum Thema Umgang mit Lebensmitteln oder auch zu den Tierverbrennungen im Zuge der Seuchenbekämpfung auslöst, sagte Reichelt. Ähnlich äußert sich auch die grüne Kultursenatorin Adrienne Goehler: "Ich assoziiere damit eine symbolische Wiederholung der agrarindustriellen Massentierhaltung."

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