• Aktionstag Saubere Sache - Gemeinsame Sache: Viele Helfer in Orange machen Berlin wieder grün

Aktionstag Saubere Sache - Gemeinsame Sache : Viele Helfer in Orange machen Berlin wieder grün

Am ersten Aktionstag sind viele Flüchtlinge dabei. Das Kennenlernen ist wichtiger als die Arbeit. Samstag ist noch Zeit, spontan mitzumachen.

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Müll und Dreck? Nicht mit uns. Auch die Kinder aus der Kita Dietzgenstrasse in Pankow taten etwas für ihre Stadt. Sie räumten den Brosepark auf. Foto: Jessica Tomala
Müll und Dreck? Nicht mit uns. Auch die Kinder aus der Kita Dietzgenstrasse in Pankow taten etwas für ihre Stadt. Sie räumten den...Foto: Jessica Tomala

Horst Krusch war beruflich Hausmeister, jetzt macht er einfach weiter. Er ist immer hier, kümmert sich um Sachen, die kaputtgehen. Ehrenamtlich. „Muss ja unter Leute kommen.“ Am Freitag dreht der 63-Jährige mit einem Handgrubber Unkrautwurzeln aus dem Erdreich, damit der Kirschlorbeer vor dem Bürgerzentrum Neukölln konkurrenzlos gedeihen kann. Dabei trägt er wie alle Helfer eine orangefarbene Weste der BSR, mit dem Aufdruck „Kehrenbürger“.

230 Initiativen - ein neuer Rekord

Tarig Beshir aus Eritrea ist zum ersten Mal hier, „bin etwas müde“, sagt er, die deutschen Wörter hat der 26-Jährige vor Kurzem erst gelernt. Zusammen mit sechs anderen Flüchtlingen aus dem Britzer Heim schleift er die Gartentische ab, damit sie neu lackiert werden können. Die Aktion „Saubere Sache – Gemeinsame Sache“ von Tagesspiegel, Paritätischem Wohlfahrtsverband und der Initiative WirBerlin ist eine Chance für Horst und Tarig sich kennenzulernen.

An vielen Projekten in der Stadt sind diesmal Flüchtlinge beteiligt. Insgesamt 230 Initiativen haben ihre Vorhaben angemeldet, ein neuer Rekord. Am Freitagmorgen rückten Kitagruppen und Schulklassen aus, um ihre Umgebung von Müll zu befreien oder einen Garten anzulegen. Vereine, Parteien und Bürgerinitiativen haben ihre Aktionen überwiegend auf den Samstag gelegt. Die Mitarbeit der Flüchtlinge muss noch eingeübt werden; der Freitagtermin erweist sich als problematisch.

Muslimische Männer müssen in die Moschee

Die muslimischen Männer müssen zwischendurch in die Moschee, um zu beten. Um 13 Uhr. Neuköllns Sozialstadtrat Bernd Szczepanski hat sich zur gleichen Zeit angemeldet, um den Helfern zu danken. Und ebenfalls um 13 Uhr soll das Essen auf den Tisch. Marina Friedenberger vom Bürgerzentrum versucht, das Terminknäuel zu entwirren. Ein paar Kilometer weiter westlich, am Tempelhofer Wenckebach-Krankenhaus, greift ein Rädchen ins andere, die Organisation des Aktionstages läuft perfekt.

Sauber: Berlin packt gemeinsam an
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1 von 246Foto: Kai-Uwe Heinrich
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Schon morgens um elf steht im Garten ein Tisch mit Kaffee und Kuchen für die Helfer, Sträucher und Baumaterial liegen bereit, die Mitarbeiter der hauseigenen Gärtnerei haben einen Mini-Laster mitgebracht. Der karrt die Steine für einen kleinen Geröllhaufen heran, der künftig Eidechsen und Igel beherbergen soll – wenn die Tiere denn einziehen mögen. Angemeldet wurde die Aktion von der Stiftung Naturschutz. Sie möchte die klassisch gestaltete Grünanlage am Hospiz des Krankenhauses zu einem Refugium für Insekten, Vögel und Reptilien machen.

CDU-Fraktionschef aktiv am Apfelbaum

Die Patienten wünschten sich vor allem mehr Vogelgezwitscher, sagt Stiftungssprecherin Heidrun Grüttner. Und Blumen, deshalb soll aus dem grünen Rasen eine bunte Wiese werden. Ein weiterer Aktionsort ist das Kreativhaus auf der Fischerinsel in Mitte. Die Bambusstangen, mit denen ein Kletterhaus für Kinder verstärkt werden soll, stehen am Freitagmittag noch unverbaut im Hof. Macht nichts. Wird schon noch.

Man organisiere ständig Projekte, da müsse man aufpassen, die Freiwilligen nicht übermäßig zu beanspruchen, sagt Koordinatorin Amanda Strauch. Für den Aktionstag gab es deswegen keine feste Startzeit.

Khalid Dheyaa Abdulzazza und Terbish Batsuuri im Bürgerzentrum Neukölln. Zusammen mit anderen Flüchtlingen haben sie am Aktionstag mitgeholfen. Foto: Fabiana Zander Repetto
Khalid Dheyaa Abdulzazza und Terbish Batsuuri im Bürgerzentrum Neukölln. Zusammen mit anderen Flüchtlingen haben sie am Aktionstag...Foto: Fabiana Zander Repetto

CDU-Fraktionschef Florian Graf sei aber schon da gewesen, versichert Strauch und zeigt die neue Steineinfassung des kleinen Apfelbäumchens, von Graf eigenhändig angelegt. War in einer Stunde gut zu schaffen, dann musste der Politiker weiter zum nächsten Termin. Der Aktionstag ist vor allem eine Werbung um diejenigen, die sich noch nicht engagieren, aber es gerne mal ausprobieren würden.

Tarig spielt Basketball und will studieren

Das Kennenlernen ist dabei wichtiger als das Arbeiten, auch wenn das vor Ort oft anders aussieht. Am Krankenhaus-Hospiz zeigen sich bald die ersten Schweißperlen bei den Helfern, die Erde schaufeln für das neue Küchenkräuterbeet. Am Bürgerzentrum Neukölln sind vier Schleifmaschinen parallel im Einsatz und machen einen Höllenlärm. Immerhin wird allen deutlich, dass die Männer aus dem Flüchtlingsheim genauso anpacken können wie die Neuköllner Ehrenamtlichen.

Um Freundschaften zu schließen, wird der Tag nicht reichen. Aber vielleicht erzählt Tarig seinem Arbeitskollegen Horst später noch davon, dass er in Eritrea Fußball gespielt hat, in Berlin auf Basketball umgestiegen ist und – wenn er Asyl bekommen sollte – ein IT-Studium beginnen möchte. Horst und Heinz, der im Zentrum normalerweise an der Pforte sitzt, muntern sich gegenseitig mit kleinen Sticheleien auf. So wie immer.

Teamausflug der Werbeagentur

Waltraud Knoblauch, mit über 80 die Älteste hier, wartet unterdessen darauf, die Ringelblumensamen in die frisch aufgeworfene Erde zu streuen. Eine schöne Abwechslung vom normalen Tagesprogramm. Das gilt auch für die jungen Kreativen von der Werbeagentur „Webguerillas“, die einen Teamausflug ins Wenckebach-Krankenhaus unternehmen. „War eine Überraschung“, heißt es, niemand habe gewusst, was der Chef ausgeheckt hatte. Jetzt sind alle froh, dass sie in angenehm kühler Luft Mutter Erde streicheln dürfen. Statt ihre Smartphones.

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