Berlin : Aktionswoche: Die Ärzte protestieren und wollen auch ein bisschen streiken

Amory Burchard

Wer am Freitagnachmittag beim Kreuzberger Kardiologen Anton Rouwen anrief, bekam eine bittere Pille zu schlucken. "Die Praxis bleibt vom 26. März bis einschließlich 30. März wegen der Aktionswoche der Berliner Kassenärzte geschlossen", wurde den Patienten per Anrufbeantworter mitgeteilt. Der Vorsitzende des Aktionsrates der Berliner Kassenärzte beteiligt sich an dem Streik, den er für die kommende Woche ausgerufen hat. Aber wie viele Kollegen werden ihm folgen? Rouwen ist sich sicher: "Alle Ärzte werden mitmachen." Die Kassenärztliche Vereinigung (KV), die den ärztlichen Bereitschaftsdienst organisiert, stellt sich dagegen auf moderate Proteste ein. "Die meisten Ärzte haben uns Sprechzeiten gemeldet", sagt Klaus Hendel, Leiter des ärztlichen Bereitschaftsdienstes.

Die KV sei, so Hendel, in diesem Jahr besser auf die Praxisschließungen eingestellt als im Oktober 2000. Vor einem halben Jahr war es bei der Vermittlung von arbeitenden Ärzten über die Telefonnummer 31 00 31 zu längeren Wartezeiten gekommen, weil die Mitarbeiter der Leitstelle dazu dicke Aktenordner wälzen mussten. Inzwischen gibt es eine Computerkartei: Eingespeist wurden Daten einer Umfrage der KV unter allen niedergelassenen Ärzten zur Aktionswoche.

"Allein in Charlottenburg gibt es 201 Praxen, die nicht schließen wollen", sagt Hendel. Allerdings hätten viele aus Protest gegen zu geringe Honorare eingeschränkte Öffnungszeiten. In der KV-Leitstelle werden acht statt drei Mitarbeiter eingesetzt, die über Öffnungszeiten Auskunft geben und die sieben fahrenden Bereitschaftsärzte an Notfälle vermitteln.

Es gibt unter den Ärzten auch Streikbrecher. Eine Zehlendorfer Ärztin, die nicht namentlich genannt werden will, ist nicht bereit, ihre Praxis auch nur einen halben Tag zu schließen: "Ich möchte nicht wegen dieser ganzen Misere Unordnung in die Praxis bringen." Für die Misere der niedergelassenen Ärzte seien nicht allein die so genannten Billigkassen verantwortlich, die für ihre Versicherten nur die Hälfte der üblichen Kopfpauschalen in den Honorartopf der Kassenärzte zahlen. Der Kassenärztlichen Vereinigung wirft sie vor, nicht in der Lage zu sein, "ordentlich mit den Kassen zu verhandeln". Die KV solle damit drohen, aus Protest gegen zu niedrige Arznei- und Heilmittel-Budgets den Versorgungsvertrag mit den Kassen zu kündigen. Die Situation von Patienten sei schlimm: "Viele laufen schon durch die Stadt, um einen Arzt zu finden, der ihnen etwas aufschreibt."

Auch der Vorsitzende des Aktionsrates Berliner Kassenärzte, Rouwen, erwartet nicht, dass alle 6200 Berliner Praxen fünf Tage lang schließen. Wie er selbst bieten sie an ein bis zwei Tagen Notdienste an. Dagegen sagt Friedrich Kruse, Sprecher der Facharztvereinigung Berlin: "Die Zahl der Kollegen, die die ganze Woche zumachen, wächst ständig an". In einem Punkt seien die Proteste jetzt einschneidender: Im Oktober 2000 hatten die Ärzte für die Schließungswoche keine Termine vergeben. Diesmal, sagt Kruse, seien die Praxisschließungen in der Regel nicht angekündigt worden.

Bei den Allgemein- und Kinderärzten werde es "punktuell auch zu Schließungen kommen", sagt der niedergelassene Hausarzt Hans-Peter Hoffert. Die meisten Kollegen aber wollten wenige Stunden am Tag öffnen. Alle Patienten sollen außerdem in Gesprächen und mit Flugblättern darauf hingewiesen werden, "dass ärztliche Leistungen nur noch begrenzt bezahlt werden". Für einen Patienten haben Berliner Hausärzte ein Arzneimittelbuget von 70 Mark im Quartal; in Süddeutschland seien es 120 Mark. Osteoporose, Altersdemenz und Fettstoffwechselkrankheiten könnten in Berlin schon heute nicht mehr angemessen behandelt werden. Auch die Psychotherapeuten planen Proteste.

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