Berlin : Alarm am Landwehrkanal

Gesamte Uferbefestigung ist akut einsturzgefährdet Dreijährige Sanierung kostet 100 Millionen Euro

Rainer W. During

Die Situation am Landwehrkanal ist wesentlich brisanter als zunächst vermutet. Wegen akuter Einsturzgefahr der denkmalgeschützten Uferbefestigung müssen kurzfristig rund 200 alte Bäume gefällt werden, sagte gestern der Leiter des Wasser- und Schifffahrtsamtes Berlin, Hartmut Brockelmann. Anschließend werden die Mauern und Spundwände erneuert, die geschätzten Kosten betragen 100 Millionen Euro.

Bereits am 19. April war am Neuköllner Maybachufer ein Teil der Ufermauer eingestürzt. Zwei Wochen später sackte der Boden am Tempelhofer Ufer in Höhe des Technik-Museums ab. Taucher stellten daraufhin fest, dass die gesamte, noch auf einer Länge von 11,6 Kilometern vorhandene Überbefestigung von 1890 marode ist. Die Ziegelschicht zwischen der über Wasser liegenden Sandsteinmauer und den unter Wasser liegenden, hölzernen Spundwänden ist zum Teil nicht mehr vorhanden. Das Holz selbst ist brüchig, verschoben und insbesondere im Bereich der Anlegestellen unterspült. Die unmittelbar am Ufer gewachsenen Bäume, überwiegend Pappeln, Erlen und Weiden, drohen abzustürzen. 18 besonders gefährdete Uferabschnitte mit einer Gesamtlänge von zwei Kilometern wurden bereits gesperrt.

Die Gefahr war bisher nicht erkannt worden, weil das seit der Vereinigung in Berlin für zusätzliche 400 Kilometer Ufer zuständige Amt seine Inspektionen auf „äußerlich erkennbare Schadensbilder“ konzentriert habe, sagte Brockelmann. Und da gebe es auffälligere Bereiche wie beispielsweise den Teltowkanal. Für die Brücken besteht nach Angaben der zuständigen Senatsverwaltung für Stadtentwicklung aber keine Gefahr.

Eigentlich hätte der Kanal sofort gesperrt werden müssen, so der Amtsleiter. Um die wirtschaftliche Lage der 33 Berliner Reedereien nicht zu beeinträchtigen, habe sich seine Bundesbehörde mit der jetzt erlassenen Einbahnregelung für Fahrgastschiffe „sehr weit aus dem Fenster gelehnt“. Rund 8000 Ausflugsdampfer passierten im vergangenen Jahr die Oberschleuse, doppelt so viele wie 1995. Die Zahl der Sportboote stieg im gleichen Zeitraum von 1000 auf 5000.

Voraussetzung für die Offenhaltung des Kanals sei, dass die Bäume in Absprache mit den betroffenen Bezirken Charlottenburg, Mitte, Friedrichshain-Kreuzberg und Neukölln innerhalb der nächsten Wochen gefällt werden können, sagte Brockelmann. Wegen der laufenden Brutperiode werden Ornithologen eingeschaltet, um die Beeinträchtigung der Vogelwelt so gering wie möglich zu halten.

Anschließend muss die gesamte Uferbefestigung bei laufendem Schiffsbetrieb erneuert werden. In Abstimmung mit dem Denkmalsschutz werde die Sandsteinmauer rekonstruiert. Unterhalb des Wasserspiegels soll sie durch eine neue Spundwand aus Stahl abgestützt werden. Brockelmann geht von einer dreijährigen Bauzeit aus – ein beschleunigtes Genehmigungs- und Ausschreibungsverfahren vorausgesetzt. Rainer W. During

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben