Berlin : Alarm in Mitte

Die Stadt war vorbereitet auf den Beginn des Krieges im Irak. In der Nacht zum Donnerstag war es dann soweit. Kaum kam die Nachricht vom Beginn des Angriffs, lief der erste Demonstrant auf die Straße. Später sperrte die Polizei ganze Straßenzüge ab

Katja Füchsel

Er hat sich für die schlichte Variante entschieden. Kurz nach Mitternacht zieht Detlef Karasch die dicken Socken aus dem Schrank, einen Schal um den Hals, eine Mütze auf den Kopf. In seine Jackentasche steckt er drei Kerzen, schmucklose Dinger, für 20 Cent das Stück. Als um zwei das Ultimatum abläuft, zündet Karasch vor der amerikanischen Botschaft seine Kerzen an. Der Mann mit dem Bart spricht auch über seine Gefühle, über Jesus und Abraham, er zitiert aus der Bibel und sagt über den Krieg im Irak: „Ich bin fassungslos betroffen.“

Es ist still in Berlin, vor der Botschaft, dunkel in den Büros, verlassen der Boulevard Unter den Linden. Abgesehen von dem Häuflein, das sich an dem rot-weißen Absperrgitter versammelt hat: vier, fünf Demonstranten, ein bisschen Polizei, zwei Fernsehteams. Eine Stunde vergeht, weitere 15 Minuten, dann verkündet eine Frau mit Kopfhörern: „Das war’s, jetzt geht’s los.“ Karasch drückt den Rücken durch. Die Kälte frisst sich die Beine hoch, jetzt fühlt er sie auch innen. „Desinteresse ist tödlich. Wenn auch noch nicht für uns“, steht auf einem Transparent.

Eine halbe Stunde nach Kriegsausbruch kommt Bewegung in die Szenerie. Panzerwagen fahren auf, die Warnlampen von Mannschaftswagen tauchen die Straße in blaues Licht. Ein Polizist kommentiert das so: Die Maßnahmen wurden verschärft. Einzelheiten werden nicht bekannt gegeben.

6 Uhr 15, Sonnenaufgang. Gut, Karasch muss heute erst mittags ins Büro, „ich mache Jugendmedienarbeit“, sagt er, aber vielleicht würde er jetzt gehen, wären da nicht die bunten Monitore der Fernsehleute. So geht eben beides: Zeichen setzen und Nachrichten gucken. Während auf dem Bildschirm eine Rakete nach der anderen durch den Himmel zischt, kommt ein Polizist auf die Demonstranten zu. Da liegt ein roter Rucksack auf der Straße, sagt er und fragt ganz lässig: „Gehört der zufällig einem von euch?“ Karasch schüttelt den Kopf. Die anderen auch.

Bombenalarm. Es wirkt, als kämen sie aus Kellern und Kanälen gesprungen. Dutzende Polizisten bevölkern den Gehsteig, spannen Flatterleinen, zerren Absperrgitter über den Asphalt. Auch die Zahl der Journalisten hat sich in wenigen Minuten vervielfacht. Sie filmen und fotografieren den ferngesteuerten Roboter, der mit seinem Wassergewehr den Rucksack erst forschend umkreist, dann zielt, schießt. Bunte Stofffetzen segeln durch die Luft, die Menge johlt. Karasch: „Der ist offenbar nur einem vom Fahrrad gefallen.“

Jetzt sind Karasch und seine Mitstreiter heiß begehrt, sie geben Interview um Interview und kommen sich dabei zuweilen auch ins Gehege. „’tschuldigung, könnt ihr euch mal mehr da rüber stellen“, sagt einer. Karasch steht im Weg, schon wieder, dabei hat der Mann ihm doch bereits erklärt: Das weiße Transparent muss gesehen werden. Vom Café aus. Vom Bürgersteig. Und von der Straße. Karasch ist nicht böse, rückt zur Seite und murmelt lächelnd „hat ja Recht“.

9 Uhr. Karasch friert, tritt von einem Bein auf das andere und denkt sich an andere Orte. „Ein alter Jugendtraum: Ich wollte immer mal in den Irak.“ Weil er auf den Spuren Abrahams wandeln wollte, sich schon immer für Archäologie interessiert habe und für die jahrtausendealten Kunstschätze. Der Krieg, sagt Karasch, macht alles zunichte. Seinen Traum. Die Kunst. Tausende Menschenleben.

9 Uhr 15. Geschäftsleute hetzen über den Bürgersteig, ein Tourist knipst Karasch zum Andenken. Dass es jetzt nieselregnet, schlägt auch den Polizisten aufs Gemüt, Funkgeräte knistern: „Im Bereich der Mittelstraße haben wir ein blaues Müllfahrzeug mit der Aufschrift AWU…“ Zwei Polizisten, das Maschinengewehr geschultert, lachen auf: „Herrjee! Man kann es aber auch übertreiben!“

Karasch blickt sich suchend um. Noch Fragen? Dann schreit er plötzlich auf, „meine Kerzen!“. Drei weiße Stängel liegen im Dreck, verloschen, umgeworfen vom Wind. „Das ist ein schlechtes Zeichen“, sagt er. Aber vielleicht besser als gar keines.

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