Berlin : Albtraum Eigenheim: "Sehr schön": Familie zahlt Vermögen für Ruine

Claus-Dieter Steyer

Anneliese und Günter Bonatz haben ihr eigenes Haus besetzt und sich damit in Lebensgefahr begeben. Der nächste kräftige Sturm könnte das Dach abdecken. Außerdem dringt von außen Feuchtigkeit in die Räume ein. Kein Statiker übernimmt Garantien, die Bauaufsichtsbehörde verweigert die Schlussabnahme, Handwerker führen Notreparaturen aus, mit dem Architekturbüro wird nur noch über Anwälte gesprochen. Das Rentnerehepaar sieht seinen Fall als Warnung für Bauwillige an. "Wir haben Fehler gemacht und uns in unserer Gutgläubigkeit über den Tisch ziehen lassen", sagt Günter Bonatz resignierend. Ihr Traum vom Häuschen im Grünen in der Umgebung der Großstadt endete in einem finanziellen Desaster, von den psychischen Schäden ganz zu schweigen.

Vermögen in den Bau gesteckt

Auf den ersten Blick macht das Haus von Familie Bonatz einen seriösen Eindruck. Nur der auf einer Seite um etwa einen halben Meter ansteigende Dachfirst wirkt gewöhnungsbedürftig. Der Bauherr zeigt auf das neben dem Zaun stehende Schild mit einer Architektenzeichnung. "So sollte unser Haus werden. Auf der einen Seite eine runde Außenwand mit einem entsprechenden Dach, ein großer Balkon und über das gesamte Haus ein weiter Dachüberstand." Jetzt hätten sie fast eine Ruine, die sie mit viel nachträglichem Aufwand bewohnbar gemacht hätten. "Wir haben das ganze Leben gespart und unser gesamtes Vermögen in dieses Haus gesteckt."

Begonnen hatte der spätere Albtraum mit dem Kauf des Grundstücks im rund 30 Kilometer südlich Berlins gelegenen Bestenseer Neubaugebiet Wustrocken im August 1998. Die Gegend gefiel dem aus dem früheren Westteil der Stadt stammenden Ehepaar. Der Verkäufer der Parzellen warb mit einem der üblichen Prospekte von Siedlungen auf der grünen Wiese: alles schön bunt, weitläufig und verkehrsgünstig. Die 260 Mark pro Quadratmeter für laut Vertrag "erschlossenes Bauland" erschienen gerade im Vergleich zu Berliner Preisen als günstig. Doch die Aussicht auf ein vermeintliches Schnäppchen betäubte den kritischen Blick auf die tatsächlichen Verhältnisse. Denn von Wasser- und Abwasserleitungen sowie einer Elektroversorgung war nichts zu sehen. Der Grundstücksverkäufer beruhigte die Bauherren. "Bis zur Fertigstellung Ihrer Häuser liegt alles im Boden", soll dieser damals versichert haben.

Kein Anschluss an die Kanalisation

Die Wirklichkeit sieht noch heute ganz anders aus. Nur ein Teil der Fläche ist bebaut. Die am Waldrand gelegenen Häuser sind trotz vieler Zusagen nicht an die Kanalisation angeschlossen worden. Eine aus Lichterfelde stammende Familie riecht das Dilemma an ungünstigen Tagen bis ins Wohnzimmer. Die Fäkalien sammeln sich in einem nicht einmal zwei Kubikmeter großen Bottich knapp unter der Erde, der mindestens einmal in der Woche abgepumpt werden muss. "Einmal", so erzählt der Hausherr sarkastisch, "ist die ganze Brühe schon ins Haus zurückgelaufen. Da war das Jauche-Fahrzeug einfach nicht gekommen." Am liebsten würde er wieder in seine Fünf-Zimmer-Wohnung in Lichterfelde ziehen. Denn in seiner neuen Straße gebe es nicht einmal eine Laterne oder ein Schild. Seit Wochen ruhten die Kanalisationsarbeiten. "Niemand sollte ein als erschlossen gepriesenes, aber tatsächlich einem Acker gleichendes Grundstück kaufen", so lautet der Rat des enttäuschten Mannes. Familie Bonatz besaß bei ihrem Einzug ins Haus im Dezember vergangenen Jahres überhaupt kein Wasser im Haus. Die Nachbarn halfen aus. Ansonsten wurde die Toilette in einer Kneipe aufgesucht.

Haus nach Wunsch

Doch das "Wasserproblem" füllt nur einen geringen Teil der dicken Ordner mit der Leidensgeschichte der Bauherren "Als es im Sommer 1998 mit dem ursprünglich ausgesuchten schwedischen Haus-Typ nicht klappte", erinnert sich Günter Bonatz, "trat der Grundstücksverkäufer an uns heran." Sein Sohn sei in Aachen Architekt und der baue jedes Haus nach Wunsch. "Wir sind blind in unser Unglück gelaufen", sagt Frau Bonatz. "Ohne Prüfung haben wir dem Architekturbüro vertraut und uns von Zeichnungen blenden lassen." Spätestens zehn Monate nach dem Baubeginn sollte das "bezugsfertige Haus" für 325 000 Mark laut Vertrag fertig sein.

Doch schon als die ersten Mauern hochgezogen wurden, stellte der Bauherr erhebliche Veränderungen gegenüber den Plänen fest. Von einer runden Wand und anderen Details war plötzlich keine Rede mehr. Der Architekt faxte die Erklärung: "Weil die Herstellung eines komplett runden Bogens extrem aufwendig und teuer ist, muss die Rundung in drei Geraden aufgeteilt werden." Familie Bonatz war geschockt. Beim Richtfest platzte dem Bauherrn endgültig der Kragen. Das Dach hatte keine Ähnlichkeit mehr mit den Zeichnungen. Die im Wohnzimmer eingezogene Holzdecke erwies sich als Fehlkonstruktion, wie zwei Gutachter feststellten. Die Mängellisten am Mauerwerk, im Fußboden, Fenstern und Deckenbalken verteilen sich auf mehrere Seiten. Das ganze Haus sei nicht sicher, heißt es da.

Mängel, dass sich die Balken biegen

"Viel zu spät" stellte die Familie die Zahlungen ein - "bei 221 000 Mark". In ihrer Verzweiflung heuerten sie selbst Baufirmen an, die das Haus einigermaßen bewohnbar machten. Eigenhändig sägte Günter Bonatz die aus der Wohnzimmerdecke ragenden Holzbalken ab, die eigentlich den Balkon aufnehmen sollten. Doch die Hölzer biegen sich bei Benutzung des Obergeschosses durch, so dass das Wasser von außen entlang der Balken ins Zimmer laufen konnte.

Gegen das Architektenbüro läuft eine Klage wegen Vertragsverletzung. Geschäftsführer Peter Lorenz weist die meisten Vorwürfe der Familie Bonatz zurück. "Die vielen Sonderwünsche während der Bauphase haben das Haus stark verteuert", erklärte der Architekt. "So viele Mehrkosten konnte unsere kleine Firma gar nicht decken." Außerdem hätten einige Handwerker bei der anspruchsvollen Architektur des Hauses nicht ihre hundertprozentige Leistung gebracht. Auf jeden Fall habe die Familie Bonatz ein "sehr schönes Haus" erhalten, wenn auch noch nicht alle Arbeiten beendet seien.

Derweil bangen die Eheleute vor dem ersten kräftigen Herbststurm. Fachleute gaben dem verpfuschten Dach keine großen Chancen. Jetzt ist guter Rat teuer. Vielleicht, so lautet die späte Erkenntnis, hätte ein frühzeitiger Kontakt mit dem Bauherrenschutzbund, der Verbraucherzentrale oder unabhängigen Gutachtern die Probleme von vornherein verhindert.

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