Berlin : Alcatel: Die Besetzung war eine Erfahrung fürs Leben

Sigrid Kneist

Der Gabelstapler fährt dicke Kabeltrommeln übers Werksgelände, fertig zum Verladen. Die Rollen kommen aus den Fabriken in Nürnberg, Frankreich oder Belgien. Früher wurden Sicherheits- oder Datenkabel im Alcatel-Werk in Neukölln hergestellt. Aber seit Ende letzten Jahres ist damit Schluss, die Maschinen aus der Werkshalle sind längst abgebaut, in die Schwesterfabriken transportiert worden oder auf dem Schrott gelandet. Die Konzernleitung in Frankreich hatte beschlossen, die Produktion in Berlin stillzulegen. Dabei schrieb das Werk schwarze Zahlen. Nur der Vertrieb, Versand und Marketing sollten erhalten bleiben.

In wenigen Wochen steht hier das endgültige Aus bevor. Die Marketing- und Vertriebsabteilungen mit gut 30 Leuten sollen Räume in Adlershof beziehen; der Versand wird ausgegliedert, und die acht Beschäftigten sollen bei der Spedition Schenker unterkommen können - mit einer Beschäftigungsgarantie von einem Jahr. Nach dem großflächigen Gelände soll längst das auf der anderen Straßenseite gelegene Estrel-Hotel die Finger ausgestreckt haben, erzählen die Beschäftigten. Es werde nur noch über die genaue Höhe des Kaufpreises verhandelt. Das Ganze geht ohne großes Aufsehen vor sich.

Vor gut einem Jahr war das anders. Damals begann die Alcatel-Belegschaft ihre spektakulären Protestaktionen gegen die drohende Schließung. Am 24. August besetzten die Mitarbeiter zum ersten Mal - befristet auf 24 Stunden. Die Geschäftsführung zeigte sich unbeeindruckt. Drei Wochen später machte die Belegschaft Ernst und besetzte die Fabrik erneut. Fünf Wochen hielt sie durch. In Berlin war Wahlkampf, und ein Politiker nach dem anderen betrat das Werksgelände und hielt flammende Reden gegen die Schließung. Auch Schauspieler und Professoren ließen sich sehen. Bundesarbeitsminister Walter Riester verköstigte nach einem Protestmarsch die Alcateller im Innenhof seines Ministeriums mit Gulaschsuppe. Die öffentlichkeitsarbeit des Betriebsrates und der IG Metall funktionierte gut. Das Ende der Produktion am Standort Sonnenallee konnte allerdings nicht verhindert werden. "Aber ohne diese Aktion hätten wir nie so viel Geld für den Sozialplan bekommen", sagt der damalige langjährige Betriebsratschef Klose heute. "Wenn schon nichts mehr zu machen war, sollten sie wenigstens ordentlich zahlen." "Es war eine Erfahrung fürs Leben", sagt der heutige Betriebsratsvorsitzende Thomas Weiße, der jetzt erneut Verhandlungen über Interessenausgleich und Sozialplan führen muss. Die Aktion von damals bereuen beide nicht: "Wir würden es wieder tun." In einigen Wochen wollen sie mit den Kollegen ein großes Fest zum ersten Jahrestag der Besetzung feiern.

Nach den Protesten standen damals 18 Millionen Mark für den Sozialplan zur Verfügung. 6,2 Millionen Mark davon gingen in die Auffanggesellschaft ABZ (Arbeits- und Bildungszentrum), wo 127 Beschäftigte unterkamen. 21 Monate dauert diese Maßnahme; wenn das Geld reicht, wird noch einmal um drei Monate verlängert. Die Teilnehmer nehmen an einem Bewerbungstraining teil und machen verschiedene Schulungen, beispielsweise in der Datenverarbeitung. Sie erhalten 80 Prozent ihres früheren Nettoeinkommens. 60 Prozent zahlt das Arbeitsamt, die übrigen 20 Prozent kommen aus den Sozialplanmitteln. 14 der ehemaligen Alcateller haben inzwischen eine Arbeit gefunden oder eine Umschulung begonnen. Auch Klose ist in die Auffanggesellschaft gewechselt. 31 Jahre und fünf Monate arbeitete er beim Kabelwerk. Was nach der Auffanggesellschaft kommt? Klose zuckt mit den Schultern. Wer weiß das schon.

Für die noch bei Alcatel Verbliebenen blicken Klose und Weiße duster in die Zukunft. Die Versandarbeiter werden bei Schenker bedeutend weniger verdienen als bisher. Ihres Arbeitsplatzes könnten sie sich auch nicht sicher sein. Ebenso jene Vertriebs- und Marketingmitarbeiter, die weiter unter dem Dach von Alcatel in Adlershof tätig sein werden. "Die bleiben nicht alle da, das glaube ich nicht mehr. Die werden doch auch geschrumpft", sagt Klose.

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