Berlin : Aleksandar Welz (Geb. 1982)

So bald was gut gelaufen ist, hat er´s versemmelt

Erik Steffen

Lange stand sein Foto im Schaufenster eines Kreuzberger Streetwear–Geschäfts. Ein schlaksiger junger Mann, kurzgeschorene Haare, Basecap, herausfordernder Blick, die eine Hand zum Satansgruß gespreizt, Zigarette im Mundwinkel. Im Hintergrund die Altbausilhouetten. „Elmo, wir vermissen Dich. In ewiger Erinnerung, Deine Freunde vom Depot 2“ war darunter zu lesen. Jetzt ist das Foto verschwunden.

Im „Depot 2“ hat er gearbeitet, hier haben sie das Geld für die Seebestattung gesammelt. Aleksandar liebte das Meer. Und das Leben. Warum er es so früh verloren hat, versteht keiner aus seinem großen Freundeskreis.

Die vier engsten Freunde haben sich ein Erinnerungstattoo stechen lassen, auf die Unterarme oder den Nacken. Sie wollen Aleksandar, der sich in Berlin Elmo nannte, nie vergessen. Elmo: die Figur aus der Sesamstraße und der zynische Drogenchemiker aus dem amerikanischen Gangster-Film „The 51st State“. Das waren seine Welten. Traumfabriken und Selbst-Inszenierungen. Die er mit Sprüchen, Charme, Grenzüberschreitungen und Exzessen jeden Tag neu abfeierte. Ein Rebell gegen die Ereignislosigkeit, auch die des eigenen Alltags. Auch Elmo hatte Tattoos. Auf seinem Unterarm prangte ein Clown, kopfüber.

Probleme gibt es von Anfang an. Er ist ein verlorenes Kind, die Mutter ist überfordert, der Vater sitzt fast nur im Gefängnis, der ältere Bruder bleibt ihm fremd. Mit elf Jahren schließt er sich der Punkszene in Neumünster an, eine überschaubare Gruppe, tägliche Abstürze. Familie, Schule, Ausbildung bleiben auf der Strecke, aber er lernt den drei Jahre älteren Janosch kennen, der für ihn zum großen Bruder wird: immer einen Schritt voraus, im Rausch und in der Ernüchterung. In der Selbstaufgabe und im Neuanfang. Irgendwann kehrt Elmo der Punkszene den Rücken, findet neue Freunde in der HipHop-Szene. Graffiti, Rap und Breakdance, alles ist nun kreativer. Janosch bleibt trotzdem sein Freund, zwei Zeittotschläger. Betäubt von allem, was es gibt.

Janosch geht für kurze Zeit nach Berlin, kommt auf Heroin, macht einen Entzug, kehrt dann nach Rendsburg zurück. Elmo hat in der Zwischenzeit in Schleswig-Holstein vor allem Erfahrungen mit der Justiz gesammelt. Kleine Delikte, erste Haftstrafen. Mit einem Freund rast er im gestohlenen Auto von dessen Vater durch die Kieler Innenstadt. Ein Crash, der Wagen zerfetzt. Elmo verliert seine Milz und einen Teil der Lunge, seinen Lebensentwurf ändert er nicht.

Janosch kümmert sich um Arbeit, Elmo sammelt Haftstrafen. 2003 geht Janosch wieder nach Berlin, nach Kreuzberg, diesmal mit Elmo. Er hat nichts mehr zu verlieren, als er Berliner Boden betritt. Kein Schulabschluss, kein Plan, nur wie eh und je die Suche nach dem Kick.

Dann die Kehrtwende. Elmo beginnt eine Ausbildung zum Mediengestalter, die er mit Bravour meistert. Die Dozenten sind begeistert, die späteren Kunden auch. Als Spezialist fürs Knifflig-Kreative ist er gefragt. Nächtelang hängt er vorm Bildschirm. Immer gut gelaunt, vor Energie sprühend. Auch in der Freizeit: Die Kreuzberger Welt ist seine Bühne, auf der er Entertainer, Musiker und Blickfang ist. Immer hip gekleidet, oft mit seinem geliebten Hund, einer Stafford-Mischung. Am liebsten hängt er im Görlitzer Park ab, kommt mit allen ins Gespräch. Eine junge Touristin aus Freiburg ist so von ihm begeistert, dass sie alles hinter sich lässt und nach Berlin zieht. Das ist ihm dann aber zu viel. Beziehungen führen und pflegen, das fällt ihm schwer.

Nach einer langen Feier überredet er seine Mitstreiter, an der Ostsee weiterzumachen. Für so was wird er geliebt und bewundert. Mit ihm ist es nie langweilig.

Erst in den letzten Monaten wird es etwas ruhiger um ihn. Seine neue Freundin, eine Grundschullehrerin, schottet er ab. Telefonate ersetzen die Treffen mit den alten Kumpels. Sogar einen festen Arbeitsplatz soll er in Aussicht haben. „Ich hab jetzt ein Büro, das ist besser als deine Wohnung“, erzählt er einem von ihnen.

Am letzten Wochenende vor dem Arbeitsbeginn die große Sause. In einer Lieblingskneipe singt er Seemannslieder, prostet allen fröhlich zu. Kurz vor Mitternacht sucht er Bekannte auf, um sich mit Stimulanzien einzudecken. Aber irgendetwas läuft schief. Er klappt zusammen, bleibt auf dem Sofa liegen. Hier hat keiner Interesse an Arzt oder Polizei. Jemand wirft ihm eine Decke über. Samstag früh ist er noch einmal kurz ansprechbar. „Geh doch mal zu deinem Hund, der muss raus!“, sagt einer. Elmo sagt: „Das macht mein Mitbewohner!“ Der Mitbewohner ist schon lange ausgezogen.

Danach kein Lebenszeichen mehr. Elmo stirbt, unbemerkt. Janosch reist nach Berlin, stellt die Leute zur Rede. Es bringt nichts. Die kapieren nichts. Ihm bleibt nur die Erkenntnis, dass Elmo nicht glücklich sein konnte. Sobald was gut gelaufen ist, hat er’s versemmelt. Erst wenn alles in Scherben lag, wirkte er zufrieden. Aber das ist jetzt kein Trost. Erik Steffen

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