Berlin : Alemayehu Tadesse (Geb. 1938)

Weil sie eine Deutsche ist und er ein Äthiopier, wird es etwas komplizierter

Karl Grünberg

Alle sind genervt, nur er nicht. Okay, der alte Toyota ohne Seitenspiegel hat erst gespuckt, dann geruckelt und war schließlich liegen geblieben, mitten auf der Landstraße, irgendwo im Nirgendwo in Äthiopien. Kein Grund für schlechte Laune. Hilfe kommt bestimmt. Alemayehu Tadesse winkt, redet und lacht. Der alte Charmeur. Und tatsächlich, der Erste, der vorbeikommt, bringt den Motor wieder in Gang. Zehn Minuten und fünf Kilometer später hilft ein anderer und spendet eine Plastiktüte mit Benzin. Ein Dritter fährt ihn und seine Söhne schließlich ins Hotel. „Seht ihr, alles gut gegangen“, sagt er – und lächelt. So ist es immer. Er lächelt, und die Sorgen werden kleiner und kleiner, bis sie nicht mehr da sind.

Sein Vater, Landbesitzer und Steuereintreiber, ist streng und unnahbar. Der Kniff in den Arm ist seine Art Liebe zu zeigen. Als Erstgeborener soll Alemayehu Tadesse die Farm übernehmen und in seine Fußstapfen treten. Doch er will nicht. Aber weil man in Äthiopien den Älteren nicht widerspricht, muss er seine Rebellion tarnen, mit einem Lächeln und einer Flucht. Nach dem Abschluss an einer technischen Schule zieht er ins Flachland, weit weg, und arbeitet in einer Zuckerfabrik. Es ist heiß, es gibt Mücken und Malaria. Seine Eltern flehen, „komm zurück!“, doch er fühlt sich wohl so ohne Aufsicht und erfindet immer neue Gründe dazubleiben. Auch er kann stur sein. Bis ihn dann doch eine dieser Mücken erwischt, er seinen kleinen Aufstand abbrechen und nach Hause zurückkehren muss.

Doch gleich geht es weiter, 1959, der Kaiser von Äthiopien schickte seine Jugend für eine Ausbildungsoffensive in die Welt. Seine Geschwister gehen in die USA, werden Ärzte und Beamte, Alemayehu arbeitet bei Daimler, zieht von Tübingen, nach Karlsruhe, nach Berlin. Auf einem Foto sieht man ihn, lächelnd, im Anzug, auf einer Couch in einem Wohnzimmer zwischen seinen deutschen Gasteltern, die ernst aber stolz dreinblicken. Auf einem anderen im Bus, lachend mit Kollegen, drum herum Menschen, die fasziniert zu ihm herüberschauen. 1963 steht er zwischen Tausenden vor dem Schöneberger Rathaus. Auf der Bühne steht ein Mann, seine Worte schallen über den Platz: „Ich bin ein Berliner.“

Noch im selben Jahr lernt er sie kennen. Sie mag seine Ruhe, die Freundlichkeit, sein Lächeln, sein Aussehen, die Eleganz und seine Art sich gerade zu halten, sehr würdevoll. Sie werden ein Paar. Doch weil sie eine Deutsche ist und er ein Äthiopier, wird es etwas komplizierter.

Die Eltern rufen: Alemayehu komm zurück, du musst die Farm übernehmen – und eine Deutsche als Ehefrau? Unmöglich. Der 30-Jährige fügt sich. Die Jahre vergehen, das Militär putscht, eine sozialistische Volksrepublik wird installiert, das Land der Familie enteignet. Eine Farm dürfen sie behalten. Doch ein richtiger Farmer wird er nie. Einmal kauft er einen Zuchtbullen, der steril ist, dann bringt die Weltbank Kühe, die aber für das Hochland untauglich sind und sterben. Kälber bekommen Schnupfen, er hat das Stroh vergessen. Was er kann, ist Menschen kennenlernen, die ihn mögen und ihm helfen. So schafft er es vom Benzin bis zum Futtersalz alles zu organisieren und damit die Farm am Leben zu erhalten.

Das Band nach Berlin aber reißt nicht ab. Seine Freundin besucht ihn, so oft und so lange wie es geht. Bis seine Eltern ein Einsehen haben. 1977 ist Hochzeit. Doch nach Deutschland darf er nicht, Äthiopien verweigert die Ausreise. Sie lebt mal hier und mal drüben. Die vier Kinder, die sie bekommen, zwei Jungs, zwei Mädchen, wachsen in beiden Ländern auf.

Noch einmal elf Jahre soll es dauern, bis Berlin ihn zurück hat. Der Farmer wird Hausmann, kocht und holt die Kinder von der Schule ab. Seine Jungs finden ihn cool, wie er sie und ihre Freunde mit Handschlag begrüßt. So streng wie sein Vater war, so locker ist er. Nie verlangt er Leistung. Sein Stolz, dass seine Kinder studieren, ist ihnen Ansporn genug. Sie lernen von ihm, wie wichtig die Familie ist und immer wieder nimmt er sie mit nach Äthiopien.

Sportverein, Freitagabend-Männerrunde, geselliges Fußballschauen, Alemayehu findet auch in Berlin schnell Freunde, sein Lächeln ist seine Währung. Für jeden hat er Zeit, über niemanden urteilt er, ob die einen den Sozialisten angehörten oder die anderem dem Kaiser, so etwas ist ihm nicht wichtig. Was die Kinder machen, wie es der Ehefrau geht, das sind die Details, die er sich merkt.

Er braucht einen Gehstock, in der U- Bahn stehen junge Menschen für ihn auf, die Fahrten mit dem Damenfahrrad durch Kreuzberg werden langsamer. Trotzdem kommt der Schlaganfall überraschend. Zwei Wochen lang versammelt sich die Familie um sein Bett, dann stirbt er.

Zur Beerdigung kommen 300 Leute, es ist eine richtige Prozession. Auch in Äthiopien verabschieden sich über 500 Menschen im traditionellen Trauerzelt von Alemayehu Tadesse. Übersetzt bedeutet sein Name: Der, der die Welt gesehen hat.

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