Berlin : Alessandro Carlini (Geb. 1943)

Eine wunderbare Sache, mit großen Augen durch die Stadt zu laufen

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Im Kopf eines Künstlers hat jedes Ding seinen Platz, nur nicht immer an der Stelle, wo es vermeintlich hingehört. Ein Stuhl beispielsweise ist ein Stuhl, aber nur wenn wir darauf sitzen. In seiner freien Zeit, der unbenutzten, ist er ein Kunstwerk. Sofern wir einen Blick dafür haben. Wir können ihn bemalen, tapezieren, auseinandernehmen, schräg zusammensetzen. Wir können ihn mit anderen Stühlen um einen Tisch gruppieren, als Familienstuhl, oder ihn als Sonderling in den Flur verbannen, was bei Gästen unweigerlich zu der Frage führen wird: Hat es eine besondere Bewandtnis mit dem Stuhl? Ja, die hat es, die hat es mit jedem Ding.

Wie wichtig Stühle sind, weiß nur, wer in einer großen Familie aufgewachsen ist. Alessandro hatte sechs Schwestern. Er war der einzige, lang ersehnte Junge, das vorletzte Kind, nach ihm kam wieder ein Mädchen. Die Familie lebte in Lanciano, einer Kleinstadt in den Abruzzen. Der Vater, ein bedächtiger Mann, der das Talent seines Sohnes anerkannte, ohne es je ganz zu verstehen. Die Mutter eine impulsive Frau mit großem Herzen und viel Mut. Als im Krieg deutsche Soldaten die Stadt nach Partisanen durchsuchten, waren sie überzeugt, sie hätten eine deutsch sprechende Italienerin vor sich. Erst als Signora Carlini Fotos ihrer deutschen Brüder in Wehrmachtsuniform zückte, gingen sie wieder, und die Kämpfer, die sie versteckt hatte, waren gerettet. Tatsächlich war sie eine Deutsche, wenn auch von ausgesprochen italienischem Temperament.

In Alessandro verband sich beides, Temperament und wägender Sinn, das Wilde zog ihn ebenso an wie das Konstruktivistische. Er ging nach Neapel, studierte Architektur an der Universität, aber mehr noch auf den Straßen, wo das Leben sich seinen Raum einfach nimmt und Tag und Nacht in Beschlag hält. Handwerker, Künstler, Kinder, Greise, Nachtschwärmer und Tagträumer, die Straße ist das eigentliche Zuhause der Altstadtbewohner. Alles ist dem Blick preisgegeben, und jeder posiert auf seine Weise.

Ein Jugendfreund lud ihn nach Berlin ein. Alessandro verliebte sich in die Stadt, deren Brandwände und Brachflächen so viel Raum für Gestaltung ließen. Wo sonst war und ist es augenfällig, dass es höchste Zeit wäre für eine Renaissance der Stadtplanung nach menschlichem Maß. Befreit den Checkpoint Charlie von den Imbissbuden, gebt die Boulevards den Fußgängern zurück, nutzt die toten Winkel, die leeren Ecken, die Nischen und öden Lücken für Kunstwerke!

Was für eine wunderbare Sache, mit großen Augen durch die Stadt zu laufen. Alessandro hatte sich in die Stadt verliebt und in Erdmute, der Name so schön wie die Frau selbst. Gemeinsam gründeten sie das Büro für Kunst, Design und Architektur.

Eine Stadtsilhouette, die nicht durch Uniformität langweilt, keine gleichen Traufhöhen, vielfältige Formen und Farben – sie fanden nicht immer Mitstreiter für ihre Projekte. Aber im Märkischen Viertel konnten sie zeigen, wie die von den Bewohnern geforderten „Wohnumfeldverbesserungen“ durch Farbe, durch Licht, durch Fantasie gelingen konnten. Das Lineal und das Rund des Mondes – beides muss man zusammen denken!

„Es liegt nicht in der Natur des Menschen, sich funktionalistisch zu verhalten. Wenn dies von ihm abverlangt wird, ohne dass man ihm etwas zur Kompensation offeriert, dann zeigt sich der Mensch von seiner schlechtesten Seite. Er wird asozial, er strahlt keine Wärme aus, er kehrt in sich.“

Lässt man die Menschen in einem Aufzug mit sich selbst allein, provoziert man Vandalismus gegen die Einsperrung und die Langeweile. Bringt man einen Spiegel im Aufzug an, ist jeder zunächst einmal mit sich selbst beschäftigt.

Bella figura. Die Verwahrlosung des öffentlichen Raums geht einher mit der Verwahrlosung des persönlichen Auftretens, und umgekehrt. Der Egoismus, jeder könne sich so geben, wie ihm gerade zumute ist, setzt die wichtigste Regel geglückten Miteinanders außer Kraft: Beleidige nicht das Auge der anderen!

Bella figura – die Auszeichnung „Italiener des Jahres“ nahm er mit Freude an. Er machte gern eine gute Figur. Über dreihundert Krawatten besaß er. Was für ein wunderbares Accessoire, auf kleinstem Raum einen Farb- und Formakzent setzen, Kreativität, die namenlos bleibt, aber beglückt. Wer kennt schon den Schöpfer seiner Krawatte?

Alessandro Carlini ging gern essen, entwarf gern Innenräume für Restaurants. Er war selbst gern Gastgeber. Wer die Wohnung der beiden betrat, wurde ein anderer Mensch, ein fröhlicherer. Der Flur, sonst meist ein langer dunkler Wohnungsschacht, fehlt, der Gast steht direkt im Raum und ist da, inmitten all der Schätze: Skizzenbücher, Bilder, Skulpturen, Masken, Gefundenes, Gemaltes, Gewerkeltes. Jedes Ding hat seinen Platz. In der Küche der abendmahlgroße Tisch, und ausreichend Stühle für alle Gäste.

Sein größter Wunsch erfüllte sich: Er war noch einmal in Neapel, seine Tochter Filippa hatte ihn eingeladen und er stahl sich davon aus dem Krankenhaus. Filippa, die sich mit Paolo zusammentat – Paolo aus Lanciano, dem Heimatort, des Vaters. Beider Kind, sein Enkelkind trägt den Namen Aurelio. Die Poesie lebt weiter. Und wo auch immer Alessandro jetzt sein mag, vermutlich in einem von Giotto ausgemalten himmlischen Neapel, er wird den Ort noch ein wenig schöner machen. Gregor Eisenhauer

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