Berlin : Alex-Poster erinnert an die Demonstration vom 4. 11. 1989

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33 Meter lang und 23 Meter breit ist das Plakat, das gestern Nachmittag von Bergsteigern an der Westseite des "Hauses des Lehrers" am Alexanderplatz entrollt wurde. Die Idee zu dieser provokanten Erinnerung an die große Demonstration von 500 000 Berlinern für die Durchsetzung elementarer, in der DDR-Verfassung verbriefter Grundrechte am 4. November 1989 hatten Baustadtrat Thomas Flierl vom Bezirksamt Mitte und die PDS-nahe Rosa-Luxemburg-Stiftung. Der Spruch setzt den legendären (und authentischen) Text "Wir sind das Volk!" in die Vergangenheitsform. Damit seien mehrdeutige Vorstellungen möglich und gewollt, sagt Thomas Flierl, zum Beispiel "Stolz auf die historische Aktion, Melancholie über uneingelöste Hoffnungen und Vergewisserung des gewonnenen historischen Abstandes". Man könne den Text auch so interpretieren: "Wir waren das Volk, heute sind wir mündige Bürger/innen". Andererseits bleibe der zivile Widerstand der Bevölkerung eine unberechenbare und sich von Zeit zu Zeit erneuernde geschichtsbildende Kraft. "In dieser Mehrdeutigkeit soll der Text auf das historische Ereignis verweisen, Anlaß und Stoff zum Nachdenken am Ort des damaligen Geschehens bilden". Das Riesen-Poster soll bis zum 10. November am Haus des Lehrers hängen. Flierl: "Der 4. November 89 steht für die heroische Illusion des gesellschaftlichen Umbruchs in der damaligen DDR. Zehn Jahre danach besteht die Chance, sich mit Stolz der historischen Aktion zu erinnern, sich mit rückhaltloser Offenheit von den Illusionen zu verabschieden und zugleich die uneingelösten Hoffnungen zu aktualisieren. Erst die gewonnene politische Freiheit läßt die Frage nach der Demokratisierung der Demokratie präzise stellen".

Weitere Projekte des Bezirksamtes zur zehnjährigen Wiederkehr der großen Kundgebung auf dem Alex: Auf dem Bildschirm auf dem "Haus der Elektroindustrie" wird am 4. November zwischen 17 Uhr 30 und 20 Uhr 40 der 190 Minuten lange Mitschnitt von der Demo gezeigt, Lautsprecher übertragen den Text. Ein zweiseitiger Werbelichtkasten mitten auf dem Platz wird Künstler-Arbeiten zum Thema Demokratie und Menschenrechte zeigen. In einer Ausstellung im Haus des Lehrers wird "Der kurze Herbst der Utopie" von vielen Seiten beleuchtet, zwischen 4. und 14. November wird der Alex als Aktionsbühne dienen. Unter dem Titel "Skepsis bleibt erste Bürgerpflicht" diskutieren von 16 bis 18 Uhr Redner der historischen Demo.

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