Berlin : Alex-Untergrund: Schlupflöcher in den Westen

Jörg-Peter Rau

Klaus Haake eilt ein Ruf voraus. Er kenne auf dem Alexanderplatz alles, unter dem Alexanderplatz auch - und das bis in 30 Meter Tiefe. Nun, das stimmt so nicht. Er kennt alles, aber nur bis in 29 Meter Tiefe. Denn 29 Meter unter dem Straßenpflaster ist der Sumpf eines Pumpwerks, das einen Bunker aus der Nazi-Zeit entwässern sollte. Und das ist die tiefste Stelle. Doch wenn die Welt unter dem Zentrum-Ost 40 oder 60 Meter tief wäre, auch dann würde Haake jedes Detail kennen.

Denn persönliche Liebe zum und fachliches Interesse am Alexanderplatz gehen in Haake eine seltene, charmante, von Anekdoten und Fachwissen durchwobene Mischung ein. Die erste Begegnung mit dem Platz, erinnert sich Haake, Jahrgang 52, "war 57/58". So weit reicht die Erinnerung zurück an Fahrten von Potsdam, wo Haake aufgewachsen ist, zur Oma nach Lichtenberg. An den schnellen Wiederaufbau im Westen und die Trümmerlandschaft im Osten will er sich noch erinnern. 1961 wurde der Weg weiter, sehr viel weiter. Doch auch vom Sputnik-Zug aus blieb der Alex gegenwärtig. "In Rudow haben wir immer diesen Berg gesehen" - und von alten Berlinern hat Haake erfahren, dass dies mitnichten Schutt aus dem Krieg, sondern der Aushub der U 8 ist. Und Haakes Begegnungen mit dem Alex sollten bald noch wesentlich intensiver werden.

Schon während der Bauzeichner-Lehrer wurde er, wie er heute sagt, "auf den Alex gekarrt, schließlich sollten wir uns den Aufbau des Sozialismus ansehen." Dass er weniger Jahre später daran selbst ziemlich aktiv mitwirken sollte, war ihm in diesem Moment vielleicht noch nicht klar. Doch als Schnellzeichner bewies Klaus Haake Talent, wurde oft eingesetzt, wenn die großen Umbauten am Alexanderplatz und drumherum am Personal zu scheitern drohten. Später, nach dem Bauingenieur-Studium, war er in einer Arbeitsgruppe, die über die Verlängerung der U 5 in die Linden hinein nachdachte. Daher auch die große Messing-Platte im Boden des Foyers im Palast der Republik: Sie sei mitnichten für die Stasi gebaut worden, die sie als Falltür zur Entsorgung unerwünschter Elemente nutzte (wie immer wieder kolportiert wurde). Nein, sagt Haake: "Da ist eine Treppe drunter, die zum Tiefgeschoss mit Autogarage und U-Bahnhof führen sollte.

Mörtelreste als Spuren

Die U-Bahn wurde nie gebaut - oder jedenfalls nicht zu Ende. Am Bahnsteig der U 5 geht Haake in die Knie, deutet auf einen entschwindenden Zug, der hier wendet. "Es geht bergauf, sehen Sie? Die Gleise reichen genau bis zur Mauer des Ratskellers im Roten Rathaus." Beim Weg durch den U-Bahnhof kennt Haake jede der geheimnisvollen Stahltüren. Er deutet auf Mörtelreste an den Fliesen, direkt am Zugang zur U 8: "Hier war eine Mauer hochgezogen, aber dahinter hat man es immer rumpeln gehört." Alle wussten von der West-Linie, die ohne Halt durch den Bahnhof Alexanderplatz fuhr. Und dennoch wurden die besten Maler des Landes abkommandiert, die Trenn-Mauer so zu bemalen, dass sie den Fliesen links und rechts täuschend ähnlich sah.

Und Klaus Haake erinnert sich an Bruno B. von der BVB, den Ost-Berliner-Verkehrsbetrieben, der ihm gezeigt hatte, wie man durch einen Kabelkanal in den Tunnel der West-U-Bahn gelangen konnte. Bruno B. ist mit seiner ganzen Familie gegangen, Klaus Haake ist geblieben. Von den Kollegen wollte sich später niemand mehr an Bruno B. erinnern. Mit den Erinnerungen ist es eben so eine Sache.

Haake, der auch am Innenausbau des Palastes der Republik beteiligt war, hat heute ein kleines Büro in Brandenburg an der Havel. Er befasst sich mit Baumängeln und Wertgutachten. Er wird wohl nie mehr neben den höchsten Politikern des Landes stehen, wenn sie sich um die Farbgebung des wichtigsten Neubaus des Landes kümmern. Inzwischen, sagt Klaus Haake vorsichtig, inzwischen fehle es ihm schon ein bisschen, nicht mehr im Brennpunkt des Geschehens zu stehen, sich nur noch aus Liebhaberei mit dem Zentrum der Zentren zu befassen - dem Alexanderplatz, was sonst.

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