Berlin : Alexander Bogdal

Oft ging er weite Wege – für gute Zutaten.

Gregor Eisenhauer

Oft ging er weite Wege – für gute Zutaten. 5 cl Bourbon, 3 cl Apricot Brandy, 2 cl Zitronensaft, 10 cl Orangensaft, gut schütteln und mit einer Orangenscheibe nebst einer Kirsche verzieren.“ Das war sein Testament, ein Rezept für Whiskey Alex, verzeichnet im „Bar Guide Berlin“.

Alexander Bogdal war Barmann, in der Mitte Bar, im Wiener Blut, im Exil, im Auerbach. Kneipennamen, die Aufschluss geben über ihn selbst.

Er war immer der Mittelpunkt, ein schwergewichtiges Gravitationszentrum der guten Laune und des Wissens, sei es auf Ausflügen, sei es, wenn er ein Essen gab, und er gab oft Essen.

Er hatte zwei Studiengänge hinter sich, einen technischen und einen philosophischen. Er hätte ohne Weiteres noch zwei weitere parallel betreiben können, vom Talent her. Einen regulären Abschluss allerdings strebte er nie an, er lernte für sich selbst und für seine Freunde im selbst abgesteckten Fachgebiet: Speisen, Spirituelles und Spirituosen.

Er kannte sich aus in Whiskeysorten, wie in allen sonstigen Getränken, und war ein Privatgastronom von Rang, was die Rezepturen wie die Zubereitung anbelangte.

Oft ging er weite Wege – für gute Zutaten. Sei es, dass er Fasane im Osten erwarb und dann in den Westen schmuggelte oder dass er regelmäßig in Polen Piroggen einkaufte. Geselliges Essen war seine Leidenschaft, mit einer Frau allein hingegen – das hat sich nie so ergeben, auch da glich er seinem verehrten französischen Ahnen, dem Hinkelsteinträger.

Er war nicht ungern ein Eigenbrötler, der sich in seiner kleinen Wohnung mit Büchern ummauerte. Ein Science- Fiction-Fan, groß geworden mit Perry Rhodan, erwachsen geworden mit Stanislav Lem. Ein Musikfreak, der in den letzten Jahren auf dem Computer seine musikalische Vita kompilierte: von den Cramps bis zur Gregorianik. Ein Aquarianer, dessen Sternzeichen der Fisch war. Ein sehr dicker Fisch, der sich im Wasser selbstredend am wohlsten fühlte. Und so verband er gern geschichtliche Exkursionen im nahen Umkreis mit Badeausflügen, bevorzugt an den Liepnitzsee.

Da zog er auch mal gern zwei Freunde auf der Luftmatratze hinter sich her. Obwohl er schon schlecht bei Puste war, denn sein Kampfgewicht gegen das Leben lag ja immer so um die drei Zentner.

„Es reicht“, bemerkte er gelegentlich, „wenn ich bis fünfzig durchhalte.“ Da schimmerte sie dann durch, die Melancholie des Genießers, der nur zu gut weiß, dass die Unendlichkeit der Menüfolgen nie auszuloten ist: Wiener Blut, wiewohl er aus dem Badischen stammte.

Es gibt zwei Schutzheilige für vorsätzlich Korpulente: den französischen Wildschweinexperten Obelix und einen russischen Landadligen namens Oblomow, der sein Leben vor und nach den Diners bevorzugt räsonierend auf der Chaiselonge zubrachte. Und so wie Obelix jede Mahnung, dass eine Wildschweindiät bei Übergewicht nicht unbedingt das Mittel der Wahl ist, empört ignoriert hätte, so entgeistert reagierte Oblomow auf die Vorhaltungen seines Freundes, doch mehr aus seinem Leben zu machen: „Was kann ich mehr tun, als es genießen?“

Alexander Bogdal vertraute seinen Schutzheiligen, und er war sich der Gefahren seiner Lebensweise bewusst. So kam der erste Schlaganfall vor vier Jahren nicht wirklich überraschend. Er kam ganz knapp davon. Anfangs war er zur Gänze gelähmt, nach und nach erholte er sich, aber die rechte Hand blieb ungelenk. Das kompensierte er beim Kochen mit der Linken. Und von nun an feierte er zwei Mal im Jahr Geburtstag.

Die Zeit tickte jetzt vernehmlicher, das wusste er: Mors certa, hors incerta. Treu dieser Losung hängte sich Alexander Bogdal eine Kuckucksuhr in den Flur.

21 Tabletten musste er am Tag nehmen. In absehbarer Zeit drohte ein Nierenversagen, aber er hatte ausdrücklich verfügt, nicht zum Pflegefall werden zu wollen. Und so zog er das Herzversagen vor. Alle Wiederbelebungsversuche scheiterten. Er wollte nicht zurück. Wieso auch? „Was ich in diesem Leben nicht mache“, so hatte er seine Mutter immer beruhigt, „mache ich im nächsten.“

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