Berlin : Alexander Malkowsky (Geb. 1940)

Er saß auf einem abgeschabten Sessel, wo der Patient ihn nicht sah

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Ich habe meinen Schlüssel verloren“, sagt Katharina.

„Warum?“, fragt Alexander. „Wolltest du nicht nach Hause kommen?“

Die Tochter guckt ihren Vater sprachlos an. Sie hat den Schlüssel verloren, mehr nicht. Das teilt sie ihm jetzt mit.

Aber so einfach ist das nicht. Alexander möchte reden, möchte mit Katharina gemeinsam herausfinden, ob es einen tieferen Grund für den Verlust gibt. Denn daran zweifelt er nicht.

Reden hatte schon den fünfjährigen Alexander gerettet. Sein Vater war im Krieg gestorben. Seine Mutter hatte ihn und seinen Bruder während der Bombardierungen Fuldas aufs Land geschickt, zu einer Tante, die auf einem Gutshof wohnte, auf dem polnische Zwangsarbeiter beschäftigt waren. Am 8. Mai 1945 zogen diese durch das Dorf und erschossen die Tante, vor den Augen des Kindes. Ein Jahr lang sprach Alexander überhaupt nicht und als er wieder mit dem Sprechen begann, kamen die Worte nur stotternd aus seinem Mund. Alle Behandlungen bei den gewöhnlichen Ärzten missglückten. Seine Mutter unternahm einen letzten Versuch und suchte einen Psychoanalytiker auf. Dessen Methode brachte Alexander wieder zum Reden, wenige Jahre nur, nachdem Sigmund Freuds Bücher verbrannt, seine Lehren als jüdisch, zersetzend und staatsbedrohend bezeichnet worden waren.

Das wiedererlangte Sprechen hieß zurückerlangtes Leben. Da musste etwas geschehen, so viel, das er nachzuholen hatte. Seine Mutter schickte ihn, nachdem er sie und einige Kindermädchen in die Verzweiflung getrieben hatte, in ein Internat auf die Nordseeinsel Wangerooge. Er las dort Nietzsche, Kant und Freud und zitierte vor seinen Mitschülern deren einschüchternde Sätze. Er fütterte Möwen mit Brotstücken, in die er Schlaftabletten eingeknetet hatte. Er warf aus der oberen Etage auf die unten Stehenden reifes Obst, das auf ihren Köpfen zerplatzte. Er streifte nachts über die Insel.

Nach dem Abitur, zurück in Fulda, lernte er im Familienbetrieb, einem Geschäft für Herrenoberbekleidung, etwas Richtiges: Textilkaufmann. Er verkehrte in der guten Fuldaer Gesellschaft, in der Herkunft und Etikette alles waren, und in der ihm eine Frau auffiel, Tochter eines alteingesessenen Unternehmers, die vom Konservativismus ihrer Schicht wenig hielt. Sissa trug ihre Haare kurz, hörte Jazz und ging in Clubs. Alexander, ebenso jugendlich hochmütig, spazierte mit Stock und Hut umher und machte Sissa den Hof, heimlich, denn der Unternehmervater hielt nichts von einer solchen unstandesgemäßen Beziehung. Sissa kümmerte das wenig. Sie beschloss, zusammen mit Alexander auszuwandern. Beide bestiegen ein Frachtschiff und fuhren sechs Wochen lang hinunter nach Australien. Der Vater enterbte die Tochter.

In Sydney fing Alexander noch einmal bei null an, begann, in der Produktionsabteilung eines Textilkonzerns zu arbeiten. Mr. Snyder, sein Chef, beobachtete die Gründlichkeit, mit der Alexander vorging, wie er die Näherinnen aufforderte, eine Naht sauberer zu nähen, einen Knopf fester anzubringen. Anlässlich eines Abendessens wandte sich Mr. Snyder unerwartet an seinen Angestellten: „Ich bin deutscher Jude, meine gesamte Familie ist im Konzentrationslager umgebracht worden. Das wollte ich Ihnen sagen.“ Nie wieder sprach Mr. Snyder deutsch mit ihm, nie wieder über die Vergangenheit. Aber Alexander war der Bissen im Hals stecken geblieben, lebenslang sollte ihn das Entsetzen über die Bestialität seiner Landsleute nicht mehr verlassen.

Nach drei Jahren Australien fuhren Sissa und Alexander zurück nach Fulda. Sie bekamen Katharina und Andrea, und Alexander arbeitete wieder in einem Textilbetrieb. Er war erfolgreich, trug schwarze Anzüge, hatte einen Chauffeur. Sissa malte und dichtete, schloss sich Künstlerkreisen an. Eines Tages sagte sie: „Ich habe den Krawattenträger satt. Ich gehe nach Berlin.“ Sie nahm die beiden Töchter und zog in eine Berliner Kommune, Alexander sollte hinterherkommen. Ein Jahr später ließ er sich von seinem Chauffeur zum Flughafen fahren, zog im Auto seinen Anzug aus und ein Paar Jeans an und bestieg die Maschine nach Berlin.

Der Versuch mit Sissa in der Kommune misslang. Niedergeschlagen vom Verlust seiner Familie, von jeglichen Zukunftsvisionen, bestieg er eine Fähre nach Schweden und lief am anderen Ufer los, lief durch die Wälder, ließ sich die Haare und einen Bart wachsen, lebte in einer Hütte, aß Beeren und Kräuter, monatelang. Dann kam er aus den Wäldern heraus, nahm die Fähre zurück nach Deutschland und schrieb sich an der Freien Universität für Psychologie ein.

Von Beginn an war Alexander klar, er würde sich auf die Psychoanalyse spezialisieren. Nach dem Studium und der Lehranalyse, während derer der zukünftige Analytiker selbst der zu Analysierende ist, bezog er im Charlottenburger Horstweg eine Wohnung, in der sich zugleich seine Praxis befand. Auf der Couch, einer gewöhnlichen, mit grünem Samt bezogenen Liege, lehnten Kissen, die nie aufgeschüttelt wurden, da sich, in diesem ordentlichen Zustand, niemand auf sie legen würde. Alexander saß auf einem abgeschabten Sessel, wo der Patient ihn nicht sah.

Katharina und Andrea, seine Töchter, die inzwischen bei ihm lebten, durften den Klienten unter keinen Umständen, und sei es nur flüchtig im Treppenhaus, begegnen. Der Therapeut muss für den zu Therapierenden wie eine weiße Wand sein, auf die er alles projizieren kann. Gelegentlich aber entstanden dennoch farbige Flecken auf der reinen Fläche. Alexander spielte ab und an kleine Rollen in den Filmen seines Regiefreundes Rudolf Thome. Eine Patientin sah zufällig den Film „Berlin Chamissoplatz“ und erkannte darin ihren Analytiker. Sie baute sich vor ihm auf und schrie, er habe sie betrogen, in Wahrheit sei er ein Schauspieler, habe den Therapeuten nur gemimt.

Die meisten aber trauten ihm und redeten, und Alexander tastete sich mit ihnen gemeinsam zu ihren verborgenen Konflikten vor. Um sieben, wenn der letzte Patient gegangen war, stellte er sich in die Küche, kochte das Abendessen für seine Töchter und redete mit ihnen, fragte sie nach ihren Träumen, ihrem Kummer und ihren Freuden. Er brachte ihnen bei, dass man sich streiten muss und auch wieder vertragen. Friedenspflicht nannte er das.

Alexander kannte keine Angst, nicht vor Menschen, nicht vor unerwarteten Umständen. Er übernahm Forschungsaufträge, war Gründungsmitglied der Berliner Psychotherapeutenkammer, eilte zu Sitzungen und Vorträgen, fuhr nach Indien, Nepal und Namibia, um dort Programme zu unterstützen, die verwahrlosten deutschen Jugendlichen eine Möglichkeit boten, dem Gefängnis, dem Heim oder der Psychiatrie zu entgehen. Die Jugendlichen bauten Schulen, verlegten Wasserleitungen und hoben Brunnen aus, Alexander unterwies ihre Betreuer vor Ort.

Und er bemerkte, dass die geschäftstüchtige Seite seines früheren Fuldaer Lebens noch in ihm war, dass er gern organisierte und arrangierte, dass es ihm Freude machte, mit Geld umzugehen. „Man muss das Geld mit vollen Händen zum Fenster rauswerfen, damit es zur Tür wieder reinkommt“, sagte er und schloss sich einer Gruppe an, die Immobilien kaufte und verkaufte und die, als die Pershing-Raketen in Deutschland stationiert wurden, eine Finca auf Teneriffa erwarb, um sich im Fall des Falles dorthin zurückziehen zu können.

„Lächerlich“, kommentierte Alexander das später und blieb in Berlin, investierte in ein Pflegeheim in Ladeburg bei Bernau, war auf einmal Heimleiter, der sich um 60 Angestellte und 100 Pflegebedürftige zu kümmern hatte. Er trat dem Lions Club bei, teilte sein Geld mit jenen, die es brauchten. Er unternahm Architekturreisen nach Kuba und Krakau, entdeckte zusammen mit Daniela, seiner Lebensgefährtin, China, das für ihn eine Gegenwelt zu seinem westlichen Alltagsleben wurde.

Und er fuhr mit Daniela, 36 Jahre nachdem sie sich getroffen hatten, in ein Château in der Dordogne und heiratete sie. Seine Familie und seine Freunde kamen. Es war warm und das Fest schön und alle wussten, dass der Tumor in seinem Kopf wuchs. Eindreiviertel Jahre hatte Alexander so getan, als sei er der eine von den hundert am Glioblastom Erkrankten, der überlebt. Fast alle in seiner Familie waren mindestens neunzig Jahre alt geworden; mit dieser Zahl hatte er es sich eingerichtet. Keiner seiner Pläne, keines seiner Projekte war abgeschlossen. Er brauchte Zeit. Aber die gab es nicht mehr. Tatjana Wulfert

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