Alexanderplatz : Die wüste Mischung

Wowereit hat sich umgeschaut und die "hässlichen Betonschluchten" rund um den "Alex" kritisiert. Doch Bürgermeister, schau auf deine Stadt! Wenn Berlin schöner werden soll, dann reicht ein Wutausbruch am Alexanderplatz nicht aus.

Peter von Becker
Alex
Aufgewühlt. Die Gegend am Alexanderplatz gleicht einer ewigen Baustelle. -Foto: Thilo Rückeis

Berlin hat viele Herzen. Hat nicht nur eine Mitte. Aber viel mehr als nur ein Platz unter anderen war einst der Alexanderplatz. Nun hat ihn Klaus Wowereit unlängst besichtigt. Mit einem Wutanfall. Und plötzlich hat die Metropole eine frisch entzündete, umtreibende Stadtplanungs- und Architekturdebatte.

Klaus Wowereit amtiert seit fast sieben Jahren im Roten Rathaus, fünf Minuten zu Fuß vom Alexanderplatz. Also war’s schon ein Hammer: der Regierende Bürgermeister zu Besuch in der eigenen Stadt – und er wundert sich über seine Umgebung. Fragt sich auf einmal: Ist dies das neue Berlin?

Hier geht’s nicht mehr um die zigtausend schwarzen Flecken, das Schmutzgesprenkel der zertretenen Kaugummis auf dem neuen Granitboden des Alexanderplatzes. Auch sie haben den Regierenden sehr ergrimmt, als nicht wegzukärchernde Schandflecken. Doch bevor wir selber am Boden kleben, heben wir einfach den Blick. Ortstermin Alexanderplatz.

Der Fernsehturm ist nicht zu übersehen. Aber wo war gleich das Rathaus? Von der Ecke Grunerstraße/Alexanderplatz müsste man seinen roten Turm eigentlich sehen. Doch in Nachbarschaft zum Bahnhof Alexanderplatz mit seiner Glashalle springt der schwarze Granitwürfel des Cubix-Multiplex-Kinos wie eine postmoderne Kaaba ins Auge. Auf der Sichtachse zum Rathaus und der einstigen historischen Mitte fallen sodann zwei siebengeschossige Parkhäuser auf: das erste dominierend mit einer wie von buntem Schimmel befallenen Schießscharten-Fassade. Es ist ein Gemisch aus lamellenartig vorgeblendeten Scheiben, querlaufenden grauen und gelben Rohren und einem türkisen, den ganzen Bau monströs einfassenden Metallrahmen.

So etwas lässt sich der Senat gleich neben sein Rathaus bauen. An die Rückfront, die aber an der zu DDR-Zeiten ins Stadtbild gesprengten vielspurigen Grunerstraße zur zweiten Schauseite wird. Vom Alexanderplatz aus betrachtet, sieht man vom Rathausturm indes nur noch einen Zipfel der Fahne auf seiner Spitze. Denn hinter der Parkhauszone verstellt jeden weiteren Blick der riesige Plattenbauriegel, der gleichfalls zum Komplex der „Rathauspassagen“ gehört: ein von der Senatsbauverwaltung noch mit zum Areal „Alexanderplatz“ gezähltes Stück DDR-Architektur. Heute ein Fall von urbanistischer Selbstbestrafung.

Auf dem eigentlichen Alexanderplatz ist der erste Blickfang das 128 Meter hohe, mit neuem Spiegelglas verblendete „Park Inn“-Hotel. Statt das Hochhaus nun aber wirkungsvoll freizustellen, hat ein dreigeschossiger, von schwarzem Schmutzglas durchbrochener Betongürtel um den Bau auch die Wende überlebt. Daran angeklebt ist das windige Restgrün eines „Zille“-Gartens. Auf der Frontseite des Hotels zur Alexanderstraße endet der Anbau in einem Parkhaus, das einem versteinerten Container gleicht. Auf der Seite zum Alex aber verheißt eine Aufschrift neben dem grünen Zille-Witz: „Nur noch 10 Meter zum Glück“. Gemeint ist das „Casino am Alex“, das den Sockel ums „Park Inn“ neben Burger-Stationen, Asia-Shop und einem Elektromarkt füllt. Als sei’s der Krieg und wechselseitige Sieg der Systeme: So bilden hier Fastfoodkapitalismus und Fastnochsozialismus eine absonderliche Gemengelage. Das hat seinen kruden Reiz. Für Zyniker oder Masochisten. Nur heimisch werden kann man hier nicht.

Gegenüber ist die Baustelle des Geschäftshauses mit dem Slogan „Die neue Mitte“. Dessen bunkergleiche Rückseite hatte einen weiteren Wowi- Wutausbruch ausgelöst. Doch man betrachte den Bau nur von vorne. Nicht rund, nicht eckig. Ein verglaster Kloß, ohne Bezug zur Umgebung. Auch er gibt dem Platz keine Fassung. Nicht Halt, Kontur und jenen Hauch Harmonie, den auf der entfernten Gegenseite das elegant geschwungene, als Sitz der Berliner Sparkasse mit einem gläsernen Foyer behutsam aufpolierte „Alexanderhaus“ vermittelt. Eben hier hätte für den von Döblin einst zum Ort der Weltliteratur erhobenen Alexanderplatz ein Stück Urbanität seinen Neuanfang nehmen können.

Als 1929 Alfred Döblins Roman erschien, hat der Architekt Peter Behrens bei der damaligen Umgestaltung des Platzes die Bürobauten des Berolina- und des Alexanderhauses entworfen. Obwohl beschädigt, haben beide Häuser den Krieg und den späteren Kahlschlag überlebt und geben durch ihre klug gegliederten Fenster und ihre cremefarbenen Kalksteinfassaden noch heute den Eindruck früher, großstädtischer Moderne.

Um dem nach 1945 so wüst freigefegten Platz eine neue Kontur zu geben, liefern die Behrens-Bauten einen Ausgangspunkt. Aber statt hierzu irgendeine Korrespondenz zu suchen, steht gegenüber das riesige rote Etwas des 2007 eröffneten „Alexa“-Einkaufszentrums. Das Rot ist nicht etwa ein bewusster oder gar „toskanischer“ Naturstein-Kontrast zum Tavertin des Alexanderhauses. Es ist angemalter Beton. Wowereit, der auf der „Alexa“-Website noch mit lobenden Grußworten zitiert wird, hat bei seiner jüngsten Alex-Visite die teilweise fensterlose, bunkerartige Einkaufsfestung nun gar nicht mehr gefallen.

Innen bietet das „Alexa“ freilich eine belebte, lichte Shopping-Mall, offenkundig angenommen vom Publikum, das sonst auch die Potsdamer Platz Arkaden oder den Tauentzien frequentiert. Das Problem ist der äußere Stilmischmasch. Vom Betonbunker bis zum aufgesetzten Glashaus, von quietschbunten Malereien bis zu katzengoldenen Metallornamenten hat der portugiesische Architekt Quintela da Fonseca nichts ausgelassen.

Man hatte tatsächlich den Anspruch, hier an den Glanz der europäisch-amerikanischen Kaufhausarchitekturen des Art Déco und Jugendstils der 20er Jahre anzuknüpfen. Doch stattdessen wird am Eingang des „Alexa“ auch noch der Vorplatz verramscht. Mit den üblichen Fressbuden auf Plastikrasen, die übergehen in eine sandige Baustelle, die sich auf den zweiten Blick als Versuch eines „Street- Beach“ entpuppt, mit ein paar wie vergessen wirkenden Liegestühlen. Stadtwüste.

Auf dem kaugummigesprenkelten Alexanderplatz hat die ans Berolina-Haus und den Bahnhof angrenzende „Galeria Kaufhof“ in der Außenhaut aus hellbraunem Tavertin immerhin die Anmutung der Behrens-Bauten aufgenommen. An Stelle des kriegszerstörten Jugendstilkaufhauses Tietz errichtet, ist vom einstigen „Centrum“-Warenhaus mit seiner Gitterfassade kaum etwas geblieben. Im Inneren soll das offene Treppenhaus mit dem angedeuteten Lichthof zumindest anspielen auf die einst von Glaskuppeln gekrönten Konsumkathedralen.

Draußen an den Hauptbau angefügt ist jedoch ein fensterloser Betonriegel, der den Alexanderplatz nach Nordosten blockt und den Kaufhof ganz unvermittelt mit dem schmuddeligem Sockelkasten am „Park Inn“ verbindet. Über Geschmack lässt sich streiten, über so viel Geschmacklosigkeit nicht. Also sinkt man gleich nebenan am „Brunnen der Völkerfreundschaft“ nieder, sieht die bepackten Leute am Wochenende und denkt: Der Alexanderplatz ist nicht tot. Aber er lebt auch nicht. Viele Shopper, kein Flaneur, alles auf Durchzug. Und wieder weg.

Reden wir nicht mehr von den Hochhausplänen, die irgendwann nordöstlich vom Alexanderplatz an die Skyline-Utopien Mies van der Rohes vor 80 Jahren anknüpfen sollen. Wer nämlich hat das jetzt Entstehende und schon Entstandene geplant? Der Senat hat seit 1992 Wettbewerbe veranstaltet, im Folgejahr ein so nie realisiertes Konzept von Hans Kolhoff prämiert und dann offenbar ohne Rücksicht auf Konturen, Harmonien oder bewusste Kontraste ein architektonisches Desaster genehmigt. Was aber hat der zwischen 1991 und 2006 so scheinbar allmächtige Stadtbaudirektor Hans Stimmann, der sich zur „Wiedergewinnung historischer Stadträume“ bekennt, in diesen Jahren an diesem Ort gemacht?

Und es geht weiter so. Niemand dürfte zum Beispiel in der Hamburger Hafencity, in der spektakulären ehemaligen Speicherstadt an der Elbe das anrichten, was jetzt als grellste Geschmacklosigkeit neben den „Labels“-Lagerhallen in Friedrichshain an die Spree gesetzt werden soll. Gerade bei der ufernahen Bebauung gibt es in Berlin ja geglückte Gegenbeispiele: die gläsernen Türme des Innenministeriums im Spreebogen, das feine „Band des Bundes“ vom Paul-Löbe-Haus über den Fluss hinüber zur Parlamentsbibliothek. Oder das ältere, Backsteinarchitektur und Stahl-Glas-Beton-Moderne spannend verbindende Kulturcenter des Radialsystems zwischen Ostbahnhof und Jannowitzbrücke.

Ganz anders aber, was beiderseits der Weidendammer Brücke an der Friedrichstraße droht oder schon im Rohbau ist: Während die Berliner Traufhöhen-Politik klare, schlanke Hochhausbauten, ausgenommen am Potsdamer Platz, weitgehend verhindert hat, erdrücken nun mittelhohe Klötze wie der des neuen „Spreedreiecks“ ihre Umgebung voll ungeschlachter Wucht. Der tiefer liegende Schiffbauerdamm mit dem Berliner Ensemble wird so vom Kontext der Innenstadt abgeschnitten, und direkt neben dem historischen Brecht-Theater soll demnächst auch noch eine bedrängende, in nichts zur baulichen Formensprache des übrigen Schiffbauerdamms passende Apartment-Stufenpyramide erstehen.

In Mitte entwickelt sich dagegen auch exzellente Wohn- und Büroarchitektur, etwa zwischen Auswärtigem Amt, Hausvogteiplatz und Jägerstraße. Und es gibt zum Kontrast die vielen Bausünden auch des alten neuen Westens, vom politisch gestutzten Jahn-Bau am Kranzler-Eck, vom verwahrlosten Breitscheidplatz bis zum Billig-Motel neben dem klassizistischen Theater des Westens.

Nicht abstrakte pedantische Regularien, wie in einer neuerdings diskutierten Gestaltungssatzung für die „historische Mitte“, helfen Berlins Stadtplanung bei so viel Niveaugefälle weiter. Der Pei-Bau war, einst von Kanzler Kohl gewünscht, als genialer Kontrapunkt zum barocken Zeughaus nur durch die Missachtung der generellen Baubürokratie möglich. Es geht daher um ästhetische Maßstäbe im jeweils konkreten Fall. Um neue Aufmerksamkeit für Formen, Proportionen und Wirkungen. Es geht, mit Pathos und Präzision gesagt: um den völlig unterentwickelten Sinn für Schönheit. Denn Berlin soll schöner werden. Was sonst.

Berlin Alexanderplatz: Spezieller Charme oder schmieriger Schandfleck? Was denken Sie? Ist der Alexanderplatz wirklich so hässlich und welche Architektur braucht diese Stadt? Wir sind gespannt auf Ihre Meinung, antworten Sie mit einem Kommentar unter diesem Artikel!  


0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben