Alexanderplatz : Fernsehturm: Im Himmel über Berlin

Der Rundfunktechniker Axel Wolff hat den höchsten Arbeitsplatz der Stadt: den Fernsehturm am Alexanderplatz Am 3. Oktober wird das 368 Meter hohe Bauwerk 40 Jahre alt. 17 UKW- und 28 TV-Programme werden von dort ausgestrahlt

Lothar Heinke
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Hoch hinaus. Längst ist der Fernsehturm am Alexanderplatz ein Wahrzeichen der wiedervereinigten Stadt Berlin. Vor fast 40 Jahren,...dpa

Das spannendste Erlebnis? Axel Wolff muss nicht lange überlegen. Das war vor drei Jahren, als ein schweres Gewitter über Berlin hinwegzog. Der Himmel verdunkelte sich. „Plötzlich knallte es. Dann gab es einen Ruck. Und es schepperte gewaltig: Ein Blitz hatte sich auf der Oberfläche der Silberkugel entladen. Aber es ist nichts weiter passiert. Wir saßen ja in einem Faradayschen Käfig.“

Ansonsten kommt der Radio- und Fernsehtechniker nur ins Schwärmen, wenn er über die meteorologischen Erscheinungen vor den Bullaugen seines Büros spricht: „Am verrücktesten ist es, wenn über uns die Sonne scheint und unter uns die Wolken ziehen und ihren Regen über die Stadt schütten“. Axel Wolff arbeitet ganz oben. Höher als Regierung und Bundestag. Er gehört zur fünfköpfigen Crew der Techniker von Media Broadcast, die dafür sorgen, dass wir ungestört Radio hören und fernsehen können. Und das alles im 26. Geschoss des Fernsehturms, in der Kugel, über der Aussichtsplattform und dem Café. 216 Meter über NN. Berlins höchster Arbeitsplatz.

Der erinnert nur sehr entfernt an ein Büro. Ein Schreibtisch ist da, auch Telefon und Computer sind vorhanden. Aber eine Batterie von Bildschirmen wie in einer Regiezentrale gibt es hier nicht. Es ist alles eher nüchtern: Da stehen raumhohe graue Schaltschränke mit Tasten und Knöpfen, dazu zahllose Kabel, dick und dünn, alles vollgestopft mit digitaler Technik, die nur die (im wahrsten Sinne des Wortes) höchsten Spezialisten beherrschen.

Hier werden 17 UKW- und 28 Fernsehprogramme technisch aufbereitet, verstärkt und über die Antennen terrestrisch über eine Reichweite von bis zu 100 Kilometern abgestrahlt. Berlin hat die höchste Radiosenderdichte in Deutschland, hier übertrumpfen sich die Menschen hinter den Mikrofonen mit klugen oder blöden Sprüchen, hier werden die meisten Gags in den Äther geblasen, der Radiohörer wird umschmeichelt und umworben – aber die Techniker haben mit dem Inhalt der Sendungen nichts zu tun. „Wir kontrollieren und achten darauf, dass die Parameter stimmen“, sagt Axel Wolff, „und das ist es dann auch schon.“

Als er 1965 zur Welt kam, begann gerade die Planung für den Turm, der 1969 eröffnet wurde und am 3. Oktober sein 40-jähriges Jubiläum feiert. Damals war Axel Wolff gerade mal vier Jahre alt. Im Rundfunk zu arbeiten, Sendungen „zu fahren“, Regler zu steuern – das war sein unerfüllter Traum. Er lernte „Elektronikfacharbeiter für industrielle Elektronik“, arbeitete viele Jahre in einer Satelliten-Erdfunkstelle und bekam 2001 die Chance, im Fernsehturm für die reibungslosen technischen Abläufe zu sorgen. „Die Technik läuft autark, ich bin ein ständiger Kontrolleur, ob alle Parameter im Soll liegen.“ Das tun sie meistens. Wenn nicht, müssen Fehler blitzschnell analysiert und beseitigt werden.

Eigentümer des Turms ist heute die Deutsche Funkturm GmbH, eine Tochter der Deutschen Telekom. War der Betonriese vom Alex früher der einzige Strahler im Osten, hat er sich längst als Teil des Ganzen mit zwei West-Türmen verbrüdert und bildet einen Verbund mit den Türmen auf dem Schäferberg und an der Heerstraße. Zwischen 1995 und 1999 wurde der Alex-Turm saniert und mit modernster Technik ausgestattet. Am rot-weiß gestrichenen Antennenträger, der damals von 365 auf 368 Meter verlängert wurde, hängen zahlreiche kleinere Antennen, sogenannte Bouquets, aber Axel Wolff sieht selten, was da aus seinen Antennen über die Berliner kommt: „Ich höre lieber mehr als ich sehe.“ So spricht ein echter Radiofreak.

Zur Technik des Turms gehört natürlich noch viel mehr. Die Klimaanlage für die Sender und fürs Café, ein Treppenhaus mit 986 Stufen für den Notfall, Evakuierungsbühnen und die beiden Personenaufzüge, die unaufhörlich in 40 Sekunden nach oben und nach unten sausen und jedes Jahr über eine Million schaulustige Menschen befördern. Alle müssen durch diesen grauen Betonschlauch, der nach oben immer schmaler wird.

Axel Wolff und seine Kollegen, zum Sehen geboren, zum Schauen bestellt, haben einen eigenen Lift – und auch ihre besonderen Aussichten. Sie gehen aus einer gut gesicherten Tür auf die Plattform über der Kugel, genießen die Natur pur, vor allem aber wohl den grandiosen Ausblick: Da hinten, 60 Kilometer südöstlich, hinter den rotierenden Windrädern im Brandenburgischen, wölbt sich die Cargolifter-Halle von Tropical Islands. „Wenn ich hier oben einmal um den Turm laufe, dann ist das für mich wie eine Stunde spazieren im Park“, sagt Axel Wolff, zieht die Tür hinter sich zu und geht wieder vor seine flirrenden Lämpchen zwischen den Nervenzellen im schlaflosen Gehirn des Fernsehturms.

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