Alexanderplatz : Saubere Jungs

Der Platz unterm Fernsehturm ist für viele Jugendliche wie ein zweites Wohnzimmer. Nach Partys sieht es häufig wüst aus. Die "Alexianer" wollen das ändern.

Werner Kurzlechner

Über diesen Witz kann Mic überhaupt nicht lachen. Ein Passant wirft ein paar Aufkleber absichtlich dorthin, wo der 24-Jährige und sein Kumpel Andy gerade gefegt haben. „Das ist nicht lustig“, spricht Mic den Mann direkt an. Daraufhin trollt sich der bunt gewandete Glatzkopf und nuschelt eine Entschuldigung. Mic, dem Hip-Hop-Freund mit Kinnbart, fallen solche Gespräche leicht, vor allem mit all den Leuten, die den Einsatz der jungen Männer loben. Aber manchmal geht man besser einfach weiter. So, als eine Göre in rosafarbenem Top laut ruft: „Was macht ’n ihr hier sauber?“ Offenbar sucht sie Streit.

Es ist Sonnabend kurz nach 10 Uhr am Fernsehturm. Mic und der 20-jährige Andy kehren den Müll zwischen Turm und Neptunbrunnen zusammen. Derweil streift der 22 Jahre alte Stefan als Dritter im Trupp mit der Greifzange durchs Gebüsch und sammelt Dinge wie Fläschchen, Pappbecher und Kippenschachteln auf. Sogar Unterhosen und Heroinspritzen waren schon darunter. „101“ prangt in Neongrün auf den schwarzen Kapuzenjacken des Trios – die ersten Ziffern des Postbezirks Mitte. „Ich bin ein Alexianer“, steht in Weiß darüber. Unverkennbar gehören sie nicht zu den gleichnamigen Mönchen, deren Ordensregel vorschreibt, nicht durch Kleidung aufzufallen und das Fleisch durch Enthaltsamkeit in Speis und Trank zu bezähmen. Im Gegenteil. Mic, Stefan und Andy, um dessen Hals eine silberne Kette baumelt und in dessen Ohr ein Brilli steckt, machen hier gerne Party, beim „Freitagstreff“ im Schatten des Fernsehturms. Wie hunderte andere Jugendliche auch, die dabei jede Menge Unrat hinterlassen.

Die „Alexianer“ sind im vergangenen Oktober angetreten, ihren Ruf und den Platz aufzupolieren. Mittlerweile zwölf Jugendliche ziehen jedes Wochenende in vier Schichten als freiwillige Saubermänner übers Gelände. Acht Euro gibt es für jeden Einsatz. Davon wandert ein großer Teil direkt in die Gruppenkasse. Den Namen „Alexianer“ haben sie sich ausgesucht, weil er ein bisschen an Außerirdische erinnere. Schließlich sei ihr freiwilliger Dienst im öffentlichen Raum ungefähr so außergewöhnlich wie Wesen aus dem All. Warum sie ihn leisten? „Weil dieser Platz seit vielen Jahren unser zweites Wohnzimmer ist“, sagt Mic. Außerdem fürchten die Alexianer, als Sündenböcke für Schmutz, Lärm und andere Unbill über kurz oder lang vertrieben zu werden. Doch Andy fühlt sich dafür nicht allein verantwortlich: „Den meisten Müll hier hinterlassen die Touristen.“

„Wir haben uns irgendwann gesagt, dass wir nicht immer nur über die Jugendlichen meckern können“, sagt Christina Aue, Geschäftsführerin der TV Turm Alexanderplatz Gastronomiegesellschaft. Das Unternehmen unterstützt das Projekt wie andere Anrainer auch, etwa die Lokale am Turm, die Rathauspassagen und die Mariengemeinde. Knapp 7500 Euro steuert die private Seite bei, der gleiche Betrag kommt vom Bezirksamt Mitte hinzu. Bis Ende des Jahres sind die Putzeinsätze am Wochenende gesichert, Streetworker vom Verein Gangway begleiten das Projekt pädagogisch. „Alle sind begeistert, weil die Jugendlichen Verantwortung übernehmen“, meint Aue.

Durchwachsen fällt demgegenüber die Bilanz des seit Neujahr zwischen Turm und Neptunbrunnen sowie am Marx-Engels-Forum geltenden Alkoholverbotes aus. Harald Büttner, Leiter des Grünflächenamtes in Mitte, will damit sowieso bis Ende Mai warten, wenn Vatertag vorbei ist. Dass die Hinweisschilder auf die um das Trinkverbot erweiterte Parkordnung erst seit Anfang April hier hängen, erklärt Büttner mit juristischem Prüfungsbedarf: „Wir sind ja schließlich die Ersten, die das machen.“ Im Übrigen wisse die Klientel jugendlicher Trinker auch ohne Schilder ganz genau über das Verbot Bescheid. „Wir haben kein Regelungsdefizit, sondern ein Vollzugsdefizit“, sagt der Amtsleiter.

Bezirksstadtrat Joachim Zeller (CDU) sieht das genauso. Er müsse das Verbot mit den rund 40 Mitarbeitern des Ordnungsamtes kontrollieren, die zum Beispiel auch das Rauchverbot in Gaststätten und das Grillverbot im Tiergarten durchsetzen sollen. Trotzdem schaue das Ordnungsamt „fast jeden Freitag, bisweilen bis 23 Uhr“ am Fernsehturm nach dem Rechten, so Zeller. Ordnungsamtsleiter Harald Strehlow ergänzt, seit Jahresbeginn habe es vier Sonderkontrollen mit Unterstützung der Polizei gegeben. „Meine Mitarbeiter führten insgesamt 140 erziehende, belehrende und aufklärende Gespräche“, so Strehlow. Für Buß- oder Verwarnungsgelder fehle die Rechtsgrundlage. Bleiben neun Platzverweise, die in diesem Jahr bislang verhängt wurden. Ein leichter Rückgang des Alkoholkonsums Jugendlicher sei zu beobachten, heißt es bei der Polizei.

Wo sich früher zwischen 350 und 500 Jugendliche trafen, seien es momentan nur noch 100 bis 200, berichtet Platzmanager Heiko Wichert. Er beobachtet Anzeichen von Zersplitterung und Verdrängung der Szene. Mittlerweile zeche ein Teil der Jugendlichen ein paar Meter weiter am Alexanderplatz, wo kein Alkoholverbot gilt. Ein anderer Teil sei in den Treptower Park ausgewichen. Notwendig sei eine beträchtliche Aufstockung der Präventionsarbeit vor Ort, meint Wichert.

Am Sinn des Verbots zweifeln auch die Alexianer. Mic, der selbst keinen Alkohol trinkt, hätte da ein paar Ideen. Am Platz fehle es an Abfalleimern, auch ein größerer Container vor der Marienkirche sei sinnvoll – „der müsste ja nicht megahässlich aussehen“. Außerdem täten zusätzliche Sportanlagen wie eine Skaterbahn gut. „Sport hilft, Aggressionen abzubauen“, meint Mic. „Und wer Sport macht, säuft auch weniger.“

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