Berlin : Alfred Niebel, geb. 1912

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Mag sein, dass Alfred Niebel den Reichstag rettete. Es war irgendwann Ende der vierziger Jahre, Niebel kurvte mit seinem tiefergelegten Adler Trumpf Junior Cabrio um die vielen Bombentrichter herum. Als auberginefarben würde man heute das Auto beschreiben, aber damals gab es noch keine Auberginen in Deutschland. Selbst Autos gab es damals fast keine. Untergestellt im Schuppen der Eltern in Lichtenrade, hatte Niebels Sportwagen den Krieg unversehrt überstanden. Die Amerikaner hatten ihm ein Kennzeichen auf die Stoßstange gemalt.

An manchen Tagen fuhr er zu einem ausgebrannten Hausgerippe, an anderen war sein Ziel nicht mehr als ein Haufen Trümmer. Im Auftrag der Bezirksämter schrieb Niebel Gutachten darüber, ob ein Haus abgerissen oder wieder aufgebaut werden sollte. Nicht nur eine Kosten-Nutzen-Rechnung war verlangt, es war auch eine ideologische Frage. Denn damals fand die architektonische Avantgarde Berlins Gründerzeit-Straßenzüge so hässlich wie wir heute die Plattenbauten in Marzahn. Der berühmte Architekt der Philharmonie, Hans Scharoun, zum Beispiel hätte das wilhelminische Berlin am liebsten ganz abgerissen. Er wollte eine Stadtlandschaft mit Wäldern und vereinzelten Hochhäusern entstehen lassen.

So war es wohl ein Glück für den Reichstag, dass Alfred Niebel den Utopien der Moderne misstraute. Er mochte das alte Berlin mit seiner schweren, verzierten Architektur sehr gern. Selbst den Reichstag, diesen wuchtigen Bau mochte er. In sein Gutachten schrieb er: "Unbedingt erhalten."

Alfred Niebel hatte bis 1933 Architektur in Berlin studiert. Als Angestellter in einem Büro baute er erst Wohnungen für die Unterschicht: Häuser mit schiefen Dächern, die wie geschrumpft aussahen und die einen Hühner- und Schweinestall hatten. Für vermögende Juden entwarf er Villen in Rangsdorf; sie glaubten, die Naziherrschaft wäre schnell wieder vorbei. Nach Kriegsdienst an der Ostfront und Lazarettaufenthalt im heutigen Polen stieg Niebel nach dem Krieg schnell wieder in den alten Beruf ein. Doch nun waren Zusatzqualifikationen gefragt. Bäume fällen zum Beispiel. Wenn es im Winter im Büro allzu kalt wurde, bekamen er und seine Mitarbeiter von den Amerikanern einen Straßenbaum zugeteilt. Und am Wochenende fuhr Niebel mit seinem Cabrio an die Ostsee. Dort angelte er Aale und brachte sie in einem Koffer nach Berlin - Geschenke, die die Freundschaft erhalten, für die Berliner Baubeamten.

Die Aal-Connection funktionierte gut. Niebel bekam den Auftrag, im Flughafen Tempelhof eine Kapelle zu entwerfen und eine Dachterrasse für das "Haus der Konfektion" am Fehrbelliner Platz. Hier, im so genannten Dachgarten Janika, spielte das zerbombte Berlin zum ersten Mal wieder feine Gesellschaft. "Barmixer Joe ist umrahmt von seiner Gehilfin Gerda, die noch bemerkenswerter ist als Joes Fabrikate", schrieb "Die Welt" im Juni 1949 zur Eröffnung. Die Planung des Archtitekten wird im Artikel als "raffiniert" beschrieben. Niebel baute auch Wohnhäuser. Schlicht sehen sie aus: Betonbauten, die Haustüren gläsern. Die Fenster und Balkone sind größer als in den fünfziger Jahren üblich. Wenn man im Erdgeschoss den Putz abklopft, stößt man auf ihre Besonderheit: Die unteren beiden Stockwerke sind aus alten Steinen, von Trümmerfrauen zurechtgeklopft. So, glaubte Niebel, bekommt ein Haus weniger Risse.

Vielleicht entstand das Foto in der Steinmetzstraße, in der jedes zweite Haus von Niebel gebaut ist. Vielleicht aber auch in der Potsdamer oder der Skalitzer Straße. Rund zehn Männer, die aussehen wie Bundespräsident Gustav Heinemann auf den alten 30-Pfennig-Briefmarken, schauen nach oben: Ein Richtkranz wird gerade auf den Rohbau gezogen. In der Mitte Niebel, sehr elegant, kantiges Kinn, zurückgekämmte Haare, freundliche blaue Augen. Er steht dazwischen, wie von einer Zeitmaschine falsch abgesetzt. Mit der biederen Aufbaustimmung im Fünfziger-Jahre-Deutschland konnte er wenig anfangen, das sieht man. Immer schon trug er Maßanzüge, abends trank er gerne in Berlins Hotelbars einen Weißwein. Und wenn er ein Rendezvous hatte, kaufte er nicht eine einzelne Rose, sondern den ganzen Strauß. Seine spätere Frau Barbara hatte er damit beeindruckt. Bis die Garderobiere sie ansprach: "Entschuldigung Fräulein, das macht er jeden Tag." Niebel hat es sich wohl abgewöhnt. Die beiden blieben bis zu seinem Tod verheiratet, 44 Jahre.

Mitte der sechziger Jahre hat Alfred Niebel sein Büro verkauft. Seine spektakulärsten Bauten, die Kapelle in Tempelhof etwa, gibt es nicht mehr. Das Dachrestaurant hat sich über Jahrzehnte gehalten - für ein Nachtlokal sehr lange. Riverboat hieß es später, war Disco und nicht mehr Dachgarten. Seine beiden Töchter haben hier ihre Ehemänner kennen gelernt.

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