Berlin : Alfred Weichert, geb. 1917

Tanja Buntrock

Zimperlich war Alfred Weichert nicht. Spätestens ab April, egal wie kalt es noch war, duschte er im Garten. In der Nähe des Fischteichs lag sein kleiner Seifenbeutel mit den vielen Restestückchen, den nahm er, dann drehte er den Hahn auf. Der Beutel schäumte beim Reiben auf der Haut. Klirrend kalt war das Wasser aus dem Gartenschlauch. Das härtet ab.

Gegen acht Uhr ging es dann los zur Arbeit. Zuerst machte er einen Abstecher in seine Reisebüro-Filiale in Hermsdorf, sah nach dem Rechten, dann fuhr er weiter in die Müllerstraße 123 in Wedding. "Reisebüro Alfred Weichert" stand auf dem Schild. Die Haare stets adrett mit Birkenhaarwasser zurückgekämmt steuerte er, immer mit Zweiteiler und Schlips bekleidet, auf seinen Schreibtisch zu. Höflich begrüßte er alle seine Angestellten: "Guten Morgen, Herr Müller, guten Morgen Frau Lehmann" - und erwartete, dass sie ihm "Guten Morgen, Herr Weichert" erwiderten. Auf Umgangsformen legte der Chef Wert. Jeans im Büro waren für ihn ein Tabu. Die Frauen sollten sich ruhig schick machen und einen Rock tragen, fand er. Bei seiner Tochter Sabine, die auch bei ihm arbeitete, machte er da keine Ausnahme. "Sabine ist eine Angestellte wie alle anderen", hat er sie 1981 den Beschäftigten vorgestellt. Extrawürste gab es nicht.

Am Schreibtisch angekommen, setzte Weichert seine Horn-Lesebrille auf. Und sein Blick wanderte auf die Formulare mit den P- und F-Nummern. Seit der Gründung des ersten Reisebüros 1953, damals noch in der Barfusstraße, waren diese Nummern von allergrößtem Interesse. Weichert hatte eigene durchnummerierte Formulare entwickelt, anhand derer er seine Statistik führte: Flugreisen und Fahrten unter 1000 Mark (F-Nummern) und Pauschalreisen (P-Nummern). In den Formularen konnte er genau sehen, wie viele Flugreisen und wie viele Pauschalreisen verkauft worden sind. Die Zahlen übertrug Weichert sauber in seinen Kalender.

Wenn sich der P-Nummern-Stand verbesserte, dann freute er sich wie ein kleines Kind: Zehn Pauschalreisen mehr verkauft, Klasse. Da sparte er auch nicht mit Lob für seine Angestellten. Aber wehe, die Zahlen verrieten das Gegenteil: "Aha, weniger P-Nummern. Wie konnte denn das passieren?", fragte er in die Runde, verglich die Zahlen mit denen aus den letzten Jahren und fing an zu analysieren. Manchmal lagen dann drei Kalender auf seinem Tisch, ein jeder in einer anderen Farbe. Sie dokumentierten unbestechlich den Nummern-Stand der vergangenen Jahre.

Wenn er einmal krank war, selten genug, kam spätestens beim gemeinsamen Abendbrot die Standard-Frage an seine Tochter: "Welche P-Nummer liegt auf?" Hatte Sabine mal nicht daran gedacht, nachzuschauen, konnte Weichert das gar nicht verstehen. Er wurde unwirsch: "Das ist doch nur ein Blick. Da guckt man mal schnell drauf." Selbst wenn er im Krankenhaus oder gar im Urlaub war, ließ er sich den P- und F-Nummern-Stand nachsenden.

Das Reisebüro war sein Leben. Hart gearbeitet hat er dafür mit seiner Frau Magarete. Lange haben sich beide nichts gegönnt, sind nicht ins Kino gegangen und hausten in einer engen Weddinger Zweizimmerwohnung. Doch nach ein paar Jahren ernteten sie die Früchte. Weichert konnte expandieren, gründete 1974 zusätzlich die "Weichert Reisen GmbH & Co. KG" in der Müllerstraße 32. Außerdem genossen die Weicherts seit den sechziger Jahren das ruhige Leben im Einfamilienhaus mit großem Garten in Frohnau.

Dennoch: Alfred Weichert blieb sparsam. Fuhr er in den Urlaub, kaufte er sich kein extra Rätselheft, sondern nahm die gesammelten Zeitungsrätsel mit. Im Büro bückte er sich nach jeder einzelnen Büroklammer. Warum etwas wegschmeißen, wenn es noch gut funktioniert? Dieses Bewusstsein versuchte er auch seinen Angestellten einzupflanzen. Altes, bedrucktes Kopierpapier wurde rückseitig noch als Schmierpapier benutzt.

Gegenüber seinen Beschäftigten war er aber kein Knauser. Immer, wenn einer von ihnen Geburtstag hatte, überreichte Weichert einen riesigen Blumenstrauß und gratulierte. An seinem eigenen Geburtstag lud er alle zu sich nach Frohnau ein. Riesige kalte Platten waren vorbereitet, und zumeist war das große Haus dann voller Menschen. Aber auch sehr direkt konnte der Chef auftreten. Einmal roch einer seiner Angestellten etwas streng. "Ihr Deo hat versagt", machte Weichert ihn unverblümt darauf aufmerksam.

Die Wochenenden verbrachte Alfred Weichert damit, den Stapel der so genannten "Meckerzettel", die Beschwerdeformulare der Reisenden, durchzusehen. Erst in den letzten Jahren, nachdem er das Unternehmen mit 80 Jahren verkauft hatte, gab es auch den Privatmann Alfred Weichert. Erleichtert haben ihm diese Umstellung seine Zwillings-Enkelkinder Maximilian und Svenja, die vor dreieinhalb Jahren auf die Welt kamen. Ein Traum wurde wahr für Weichert, als er die beiden auf der Krabbeldecke liegen sah. Auch die Rückenschmerzen nach einer Tumor-Operation konnten ihn nicht abhalten, sich dazuzugesellen.

Als die Tochter Hilfe benötigte, um mit den Zwillingen am Babyschwimmen teilzunehmen, zögerte Weichert keine Sekunde: Egal, wie schlecht es ihm ging, er musste mit ins Wasser, wog die Kinder sanft und planschte mit ihnen. Diesen Sommer wollte Weichert ihnen auf Sylt beibringen, wie man richtig schwimmt, egal, wie kalt das Wasser ist.

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