Berlin : Alien-Alarm im Olympiastadion

Zwei Science-Fiction-Autoren haben Berlin ins Jahr 2323 versetzt, samt Dauer-Love-Parade, Mauer und bewaffneten Kampfgiraffen

Lars von Törne

Berlin im Jahr 2323 – ein Sündenbabel. Der Fernsehturm ist ein Bordell, das – schwebende – Olympiastadion dient als Zentrum finsterer Machenschaften einer Verschwörertruppe, und der Reichstag ist zum Sexkino mutiert. Fluchtmöglichkeiten bietet die wiederaufgebaute Mauer in der Stadtmitte: Sie dient als Portal für Trips in ferne Galaxien. Das Leben in der Metropole ist geprägt von Gier, Gewalt und ungehemmter Lust.

So stellt sich das Science-Fiction-Duo Dirk Schulz und Robert Feldhoff unsere Zukunft vor. Die beiden haben sich, nach jahrelanger Kooperation für die legendäre Perry-Rhodan-Reihe und einem Dutzend erfolgreicher Fantasy-Comics, jetzt der deutschen Hauptstadt angenommen. Das Ergebnis ist ein rasantes, buntes Comic-Buch, das Trash und Triviales, Pop und Politik zu einer kurzweiligen Mischung verquirlt.

Die Story, die sich Autor Feldhoff (43) ausgedacht hat, dreht sich um zwei Figuren, die die beiden vor Jahren für ihre Comicreihe „Indigo“ erdacht haben: Scilla, eine blonde Amazone, sexy und kämpferisch, sowie Indigo, eine zottelige Mischung aus Weltraum-Freak und Pavian, cool aber tölpelhaft. Der sonnenbebrillte Alien wird aus fernen Universen nach Berlin gebeamt, um hier mit seiner Partnerin ein politisches Komplott aufzuhalten, in das ein machtgieriger Bürgermeister, noch machtgierigere Aliens und eine Rebellentruppe verwickelt sind.

Das Ganze ist randvoll mit Berliner Anspielungen, Zitaten und plakativen Stereotypen aus der Gegenwart, die sich der Oldenburger Feldhoff und der Bielefelder Schulz aus dem Fernsehen, Bildbänden und gelegentlichen Berlin-Besuchen zusammengeklaubt haben. Die Love Parade ist im Jahr 2323 zur täglichen Dauerdroge mutiert, der Bürgermeister ist auch in Zukunft schwul, das Brandenburger Tor, alte Hinterhöfe und der Potsdamer Platz bilden – futuristisch nur wenig verfremdet – die Kulisse. Das wird ergänzt durch zahlreiche fantastische Kreaturen, wie eine martialisch bewaffnete Kampfgiraffen-Einheit, die fürs explosive Finale in die Stadt einreitet.

Die Kulissen hat Schulz auf Grundlage von Fotos am Computer mit seinen Zeichnungen verbunden, was den Bildern eine halb realistische, teils an Filme wie „Blade Runner“ erinnernde Anmutung gibt. Das Erzähltempo ist hoch, Freunde von leichter, nicht allzu anspruchsvoller Unterhaltung kommen auf ihre Kosten: Es wird geschossen, gekämpft, intrigiert und hin und wieder sogar geliebt – was Zeichner Schulz (40) ausführlich Gelegenheit gibt, die ohnehin nur knapp bekleidete weibliche Hauptfigur in diversen „Playboy“-Posen zu zeichnen.

Das kann man sexistisch finden; die beiden Autoren tun solche Bedenken mit einem Schulterzucken ab. „Ich kann Political Correctness nicht leiden“, sagt Feldhoff, der mit Schulz zur Buchvorstellung eine Stippvisite nach Berlin gemacht hat. „Sieht doch gut aus“, grinst Schulz, und man merkt, dass die beiden, die sich selbst als „Kindsköpfe“ bezeichnen, an wohlgeformten Frauenkörpern ähnlich viel Freude haben wie an wohldosierten Provokationen und kleinen politischen Spitzen, die sie in die satirisch überzeichnete Story eingebaut haben.

Dass sie als Nicht-Berliner diesmal nicht fiktionale Fantasiewelten, sondern die Hauptstadt ins Zentrum ihres Buches rücken, erklären die beiden mit deren symbolischer Bedeutung. „Berlin steht für Politik, Geschichte, Kultur, also haben wir es als Abziehbild benutzt“, erklärt Feldhoff. Berlin, sagen sie, „ist für uns wie ein Ausrufezeichen“.

Ausstellung mit Zeichnungen aus „Berlin 2323“ im Bahnhof Friedrichstraße samt Nachbau der Science-Fiction-Mauer, noch bis 19. September, vom 20.9. bis 7.10. dann im Bahnhof Lichtenberg. Signierstunde: Bahnhofsbuchhandlung Lichtenberg 20.9., 17 Uhr. Das Buch ist bei Carlsen erschienen (96 Seiten, 14 €)

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