"Alien" als Hörspiel : Monster an der Spree

Der Sitznachbar in der S-Bahn nervt oder beim Entspannen in der Wanne wird Unterhaltung gebraucht? Hörbücher werden immer beliebter. In Berlin wird gerade „Alien“ eingesprochen. Ein unheimlicher Set-Besuch.

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Foto: Thilo Rückeis Foto: Thilo Rückeis
Wer im Hörbuch statt im Film ein Alien jagt, kann dabei wenigstens bequeme Klamotten tragen. Neben Synchronsprecherin und...Foto: Thilo Rückeis

„Die Crew war bereits tot. Ich war allein, alles war ruhig“, klingt die Stimme von Sigourney Weaver durch das Tonstudio in Charlottenburg. Kurz darauf rät ihr James Bond, sie solle sich doch bitte abregen. Ein „Icke“ oder „dit“ sucht man in den Dialogen vergeblich, dabei gehören beide Stimmen Berlinern. Dietmar Wunder, der auch Daniel Craig seine Stimme leiht, und Karin Buchholz sind die deutschen Synchronsprecher der Hollywood-Stars.

Sie geben der legendären Ellen Ripley und Chris Hooper eine Stimme und sind zwei von 20 Charakteren im Hörspiel „Alien: Out of the Shadows“, adaptiert vom gleichnamigen Roman von Tim Lebbon. Das Buch ist offiziell Teil der Alien-Reihe, mit der Weaver 1979 berühmt wurde, jetzt wird es an der Spree als Hörspiel eingesprochen. Berlin ist schon seit mehr als zehn Jahren das deutsche Zentrum für alles, was Synchronisierung und Vertonung betrifft. „Früher wurde man noch eingeflogen, nach München oder Hamburg“, bedauert Karin Buchholz.

Der Markt wächst

Sie hat zwei Brillen auf der Nase, während sie den Text abliest und ins Mikro spricht. Von Gleitsichtbrillen hält sie nichts. Seit Mitte der 80er spricht sie die deutsche Stimme der US-Schauspielerin Sigourney Weaver. Ellen Ripley, die letzte menschlicheÜberlebende ihres Schiffs „Nostromo“, soll eine Gruppe Minenarbeiter auf dem Planeten LV178 retten. Vertont hat das Ganze die Firma Audible, Tochterunternehmen des Multi Amazon mit Sitz in Berlin. Mehr als 200.000 Hörbücher und Hörspiele gibt es auf der Plattform, 30.000 davon auf Deutsch.

„Der Markt wächst stark, die Leute gehen weg von CDs und lassen sich Bücher lieber digital vorlesen“, erklärt Hendrik Gerstung von Audible.

Wie bei Netflix gibt es eine Bibliothek an Titeln zur Auswahl, auch Berliniges. Mitglieder der Bands Ohrbooten, der Beatsteaks und von Jupiter Jones haben gemeinsam mit Mr. „Supergeil“ Friedrich Lichtenstein eine entstaubte Version von Schillers „Die Räuber“ aufgenommen. Statt im 18. Jahrhundert spielt das Stück im heutigen Berlin. Kürzlich kam „Be My Match“ heraus. Es erzählt vom leidigen Singleleben in der Hauptstadt und der Liebe beim Rumgewische auf dem Smartphone.

Ellen Ripley II. Das Film-Vorbild. Foto: picture-alliance / dpa
Ellen Ripley II. Das Film-Vorbild.Foto: picture-alliance / dpa

Zahlen möchte man bei Audible nicht nennen, aber das Wachstum sei „beträchtlich“. Hörbücher, Hörspiele und Podcasts werden beliebter. Laut einer Studie von ZDF und ARD hörten 13 Prozent der Bevölkerung 2014 Podcasts. Diese Zahl hat zwar gerade erst die Zweistelligkeit erreicht, ist aber eine Verdopplung zu 2013. Der durchschnittliche Deutsche pendelt etwa 45 Minuten bis eine Stunde pro Tag. Berliner verstehen das Kreuz mit den langen Wegen nur zu gut. Wenn man zum Beispiel 45 Minuten von Wedding nach Neukölln fährt. Zum Lesen ist es zu laut in der Bahn. Babys weinen, zwei junge Männer planen den Clubabend. Der einzige Ausweg: Kopfhörer auf, Berlin ausblenden. Als Alternative zur Musik nutzen immer mehr Menschen Erzählprogramme. Seien es archivierte Radio- oder Fernsehprogramme oder eben Hörspiele wie die neue Alien-Serie.

Wie bei einer Fernsehshow gibt es mehrere Episoden, veröffentlicht werden Ende September alle auf einmal, der Hörer kann sie sich dann einteilen oder am Stück hören. Den Bordcomputer spricht übrigens die deutsche Stimme von Jonny Depp, David Nathan.

Er hat übrigens auch den Wedding-Roman "Großer Bruder Zorn" von Johannes Ehrmann eingesprochen. Ehrmann war von 2013 bis 2015 Wedding-Blogger für den Tagesspiegel.

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