Berlin : All that Jazz

Sedal Sardan ist Betreiber des A-Trane. Nun macht er sich mit dem Soultrane im Stilwerk selbst Konkurrenz

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Von Johannes Völz

Wenn Sedal Sardan die Bühne betritt, bekommt man ein Zwei-Minuten-Lehrstück in Sachen Selbstinszenierung zu sehen. Dann steht der Mann mit der graumelierten Frisur am Mikrofon, und was er mit türkischem Akzent sagt, ist eine eigentümliche Mischung aus Charme, Unbeholfenheit und übertriebener Demut. Der 40-Jährige gab seine Vorstellung bisher jeden Abend, wenn er in seinem Charlottenburger Jazzclub „A-Trane“ die Musiker ankündigte. „Was für eine unglaubliche Ehre“, begrüßte er dann die Prominenten im Publikum, irgendein Politiker, Botschafter oder Schauspieler sitzt fast immer auf der langen Ledercouch in dem winzigen Club. „Und was für eine ebenso große Ehre“, fährt er fort, „dass diese wirklich unbeschreiblichen Musiker hier sind."

Manch einem mag das zunächst schrullig vorkommen, vielleicht sogar schmierig, doch wer Sardan eine Weile lang bei der Arbeit beobachtet, versteht, warum er den Jazzclub mit dem besten Programm in Berlin führt. Und warum er es ist, der nun den Schritt gewagt hat, einen zweiten, größeren und noch edleren Jazzclub zu eröffnen: das Soultrane, nur ein paar Schritte vom A-Trane entfernt, im Stilwerk an der Kantstraße.

„Man will doch immer in die Clubs gehen, in denen man das Gefühl hat, dass sich die Macher voll dafür einsetzen“, erklärt er selbst seinen Erfolg. „Voll dafür einsetzen“, das heißt bei ihm, dass er auf beste Manieren achtet. Und es hieß in den letzten fünf Jahren, in denen er das A-Trane an der Bleibtreustraße, Ecke Pestalozzistraße führte: Ab mittags um zwölf im Büro sitzen, Bands buchen, Personal organisieren und Kontakte pflegen; nachmittags die angereisten Musiker begrüßen und ihnen beim Aufbau helfen; dann Konzert: Gäste begrüßen, Ansage, Zuhören, Abrechnung; schließlich Büroarbeit bis nachts um drei. Man muss wohl besessen sein, um so einen Job auf Dauer durchzuhalten, zumal mit einem Jazzclub kaum Geld zu verdienen ist. Nicht einmal mit dem A-Trane, das sich – anders als die meisten Berliner Jazzspielstätten – über einen Mangel an Zuspruch nicht beschweren kann.

Wie ist Sardan überhaupt zum Jazz gekommen? Was folgt, ist eine lange Geschichte, bei der man das Gefühl nicht los wird, er habe sie schon ein paar Mal zu oft erzählt. Es geht darin um einen Sommerurlaub in Izmir, einen kleinen Jazzclub ns Bebop, einen alternden Bassisten und natürlich um Sardan selbst: damals Grafiker, semiprofessioneller Basketballspieler und Fan von Uriah Heep und Deep Purple. Kurz: Am Ende gibt Sardan nach einem Jazzkonzert, das für ihn zum musikalischen Erweckungserlebnis wird, dem Bassisten das Versprechen, in Berlin einen Jazzclub zu eröffnen. Damals, 1991, eröffnete er das Bebop in Kreuzberg, eine kleine Kneipe, die für Musik eigentlich nicht gemacht schien. Wenn er nun das Soultrane aufmacht, bei dem ein Restaurant mit Live-Jazz verbunden wird, so wie man das aus New Yorks „Blue Note“ kennt, dann gleicht das einer Erfolgsgeschichte. Dass er die Nachfrage überschätzen und sich am Ende nur selbst Konkurrenz machen könnte, das scheint er nicht in Betracht zu ziehen. Und dafür, dass viele Berliner Veranstalter ihre Hallen bei Jazzkonzerten nicht füllen können, hat er nur ein Achselzucken übrig: „Die Leute wollen eben keine großen Säle, sie wollen intime Clubs, sonst verliert der Jazz sein Charisma. Seinen Soul." Und Soul, erklärt er am Ende, sei für ihn das Wichtigste im Leben: „Bei der Musik, in Gesprächen, beim Essen, und, ja, auch im Sexleben.“

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