Berlin : Allah liegt im Trend

In Berlin konvertieren immer mehr Menschen zum Islam, 8000 übergetretene Muslime soll es geben

Annette Kögel

„Ich habe mich mit der Frage nach dem Sinn des Lebens beschäftigt“, sagt Ben Schulze. Der 27-jährige Weddinger hat seine Antwort im Islam gefunden. Der Deutsche ist zum islamischen Glauben übergetreten, dafür extra nach Kairo geflogen. So wie Schulze entscheiden sich immer mehr Berliner: Bei muslimischen Vereinen, Kulturinstituten und Moscheen mehren sich Anfragen von Interessenten.

Gerade hat der „Spiegel“ die Zahlen vorgelegt: Nach einer Studie konvertierten zwischen Sommer 2004 und 2005 rund 4000 Bundesdeutsche zum Islam, viermal so viele wie im Vorjahreszeitraum. „Auch wir spüren den Trend“, sagt Chaban Salih vom Verein Inssan für kulturelle Interaktion. „Es treten viele Menschen über, die sich schon länger mit dem Glauben auseinandergesetzt haben“, bestätigt Mohammed Herzog, Leiter der Islamischen Gemeinschaft deutschsprachiger Muslime in Berlin. Rund 8000 Konvertiten, also Übergetretene, gibt es seinen Angaben nach in Berlin, in der Stadt leben mehr als 200 000 Muslime.

Ein Zentrum von Moslems deutscher Herkunft ist die Bilal-Moschee vom Deutschsprachigen Muslimkreis e.V. Berlin an der Drontheimer Straße 16 in Wedding. Der Hauptgottesdienst für Menschen, die vorher an den christlichen Gott oder auch gar nicht geglaubt haben, findet freitags um 18 Uhr statt. Davor werden die Schuhe ausgezogen, dann tritt man durch die grün eingefasste Tür, stellt die Stiefel ins Holzregal, vollführt die rituelle Waschung. Der Teppich im Gebetsraum ist schräg verlegt, das Muster weist gen Mekka. Männer und Frauen beten hier oft zusammen, die Predigt finde zu 90 Prozent auf Deutsch statt, sagt Bilal Khalil. „Mir geht das wie vielen hier: Ich verstehe Deutsch viel besser als Hocharabisch“, sagt der 23-jährige selbstständige Gastronomieeinrichter, der das als Bestätigung empfindet, dass seine Religion so gefragt ist. Sein Vater stammt aus Jordanien, seine Mutter aus Deutschland – auch sie konvertierte zum Islam. Die Ehe mit einem Andersgläubigen sei heute aber nicht mehr der Hauptgrund für den Übertritt, besagt die Studie des Islam-Archivs in Soest. „Viele sind über Freunde aufmerksam geworden, sie fasziniert etwa die Bedeutung der Familie im Glauben“, sagt Inssan-Vertreter Salih. Andere habe ein Gebetsruf im Urlaub inspiriert, oder sie hatten sich nach dem Studium mehrerer Religionen für den Islam entschieden.

Der Boom begann Salih zufolge erstaunlicherweise mit dem Terrorangriff vom 11. September 2001. Seitdem wollen viele wissen, was wirklich hinter dem Glauben stecke. Der verbiete Selbstmordattentate, sogar Gewalt gegen Tiere. Die Koranstelle zum Erheben der Hand gegen die Frau sei oft fehlinterpretiert worden, ist ein seit den 70er Jahren in Berlin beheimateter Pakistaner überzeugt. Er hat gerade in der Bilal-Moschee gebetet. Nun sei die Chance da, Vorurteile abzulegen, meint er. Viele Menschen würden Terrorakte fälschlicherweise dem Glauben zuschreiben. „Wir sagen ja aber auch nicht, dass das Christentum schlecht ist, weil sich in Irland seit Jahrzehnten Protestanten und Katholiken bekriegen.“

Wer wie Sänger Cat Stevens konvertiert, der muss allein das Glaubensbekenntnis vor zwei Zeugen aufsagen, das reicht. Frauen müssen weder Kopftuch tragen noch Männer sich Bärte wachsen lassen. Man müsse nicht von heute auf morgen Arabisch lernen, um den Koran lesen zu können, sondern sich möglichst zunächst an die fünf Gebete am Tag halten. „Ich überhöre aber morgens auch mal den Handywecker, und man kann ja Gebete nachholen“, sagt Jungunternehmer Bilal Khalil. Für ihn ist sein Glauben eine Lebenseinstellung, „der Weg der Mitte“, das Gebet Entspannung – „so wie andere Yoga machen“. Wenn heute einige junge Moslems vor der Ehe deutsche Freundinnen haben, ihren Schwestern aber keine Freiheiten einräumen, „hat diese Ungerechtigkeit nichts mit dem Glauben zu tun“. Unterdessen hat Konvertit Ben Schulz einen hohen Preis für seine Glaubenssache bezahlt. Weil er nichts mehr mit Alkohol und Schweinefleisch zu tun haben will, kann er in seinem alten Job als Koch nicht mehr arbeiten – und macht nun auf eigene Kosten eine Umschulung zum Ernährungsberater.

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