Berlin : Allah zieht zu Bolle

In Kreuzberg wird eine siebenstöckige Moschee gebaut. Das Gelände wurde am 1. Mai 1987 berühmt

Christoph Villinger

Vier kleine Minarette sollen die siebenstöckige Moschee krönen, die der „Islamische Verein für wohltätige Zwecke“ auf dem so genannten Bolle-Grundstück in Kreuzberg an der Manteuffel- Ecke Skalitzer Straße errichten will. Dieser Tage stellte der Baustadtrat von Friedrichshain-Kreuzberg, Franz Schulz (Grüne), den überarbeiteten Entwurf des Architekten Günter Barnstedt vor. Schulz rechnet für das Frühjahr mit dem endgültigen Bauantrag. Die Bauherren, denen das Grundstück gehört, wollen alles Wesentliche vorher klären. Baubeginn für das „Maschari-Center“ könnte dann im Sommer 2003 sein. Für Schulz gehören die Bauherren „definitiv nicht zu den militanten Islamisten“.

Auf dem Baugrundstück befanden sich bis vor kurzem die Reste eines Bolle-Supermarktes. In der Nacht des 1. Mai 1987, als sich die Berliner Polizei vorübergehend aus Kreuzberg zurückziehen musste, plünderten Teile der Kreuzberger Bevölkerung den Laden, danach wurde er von einem Pyromanen angezündet und brannte komplett ab. Das Bild der Bolle-Ruine gilt seitdem als Symbol für die Auseinandersetzungen am 1. Mai.

Im Augenblick nutzt der „Islamische Verein für wohltätige Zwecke“ noch eine Fabriketage in der Nachbarschaft. Für Birol Ucan, der im Vorstand für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist, ist besonders wichtig, dass es sich bei dem geplanten Neubau für etwa 250 Gläubige nicht bloß um eine Moschee handelt. „Ins Erdgeschoss kommt eine Ladenzeile und Büroräume, damit da ein bisschen Bewegung reinkommt, die Leute kommen, einkaufen und einen Tee trinken können.“

Das Geld für die vom Architekten Barnstedt auf etwa 10 Millionen Euro geschätzten Kosten für den Neubau will sein Verein zum großen Teil über Spenden finanzieren. Inhaltlich möchte sich Ucan keiner Strömung des Islam zurechnen, betont aber, dass „wir sunnitisch und keine Sekte sind“. Seine Ausführungen klingen recht liberal, zum Beispiel: „Fasten gehört zum Islam, mach es, aber wenn man es nicht macht, wird man nicht schief angeschaut“. Oder: „Unsere Tür ist auch für Frauen offen, sei es mit Kopftuch oder ohne Kopftuch, sei sie Muslime oder nicht.“ Ihm sei wichtig, eine „offene Tür“ zu haben, er erzählt von Besuchen einer Rentnergruppe aus Brandenburg und von einer Gruppe von Bundeswehrsoldaten. Deutlich betont Ucan seine Abgrenzung von den fundamentalistischen islamischen Strömungen, wie den Wahabiten, zu denen auch Bin Laden gehöre und „der Hizb ut-Tahrir-Bewegung, die sich jeden Freitag im TU-Hauptgebäude versammelt“. Da habe er „Null Toleranz“. Seiner Ansicht nach haben aber diese Gruppen in Berlin immer mehr Zulauf. „Viele schweigen dazu, aber wir haben gesagt, wenn wir schweigen, werden diese Gruppen noch stärker“.

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