Berlin : Alle Konkurrenten hatten keine Chance

Viele Interessenten, hoher Wert – dennoch wurde das DDR-Rundfunkgelände zum Spottpreis verkauft

Stefan Jacobs

21,6 Millionen Euro soll das Gelände des ehemaligen DDR-Rundfunks in Köpenick wert sein. Das ergab jedenfalls 2004 ein dem Tagesspiegel vorliegendes Wertgutachten. Verkauft aber wurde das Gelände im November 2005 dann für 350 000 Euro an die Firma „Bau und Praktik GmbH“. Über diesen Deal, der das Magdeburger Finanzministerium inzwischen zu einer Strafanzeige gegen Unbekannt wegen Betrugs- und Untreueverdachts veranlasst hat, werden jetzt immer neue Ungereimtheiten bekannt.

Nach Ansicht von Experten ist das Objekt zum schlechtesten Preis und zu den schlechtesten Bedingungen verkauft worden. Tagesspiegel-Recherchen ergaben, dass sich seit Mitte der 90er Jahre bis zu 40 verschiedene Interessenten um den Kauf des Areals am Ufer der Spree bemüht haben. Viele der abgegebenen Angebote sollen weit über dem Angebot der Sachsen-Anhaltinischen Baumaschinenvermietung „Bau und Praktik GmbH“ gelegen haben. Ein dem Tagesspiegel bekannter Interessent hatte 1,4 Millionen Euro geboten, erhielt aber nach eigenen Angaben eine telefonische Absage, als sein Vertrag bereits unterschriftsreif war. Der inzwischen suspendierte Chef der landeseigenen Immobiliengesellschaft von Sachsen-Anhalt (Limsa), Hans-Erich Gerst, verteidigte den Verkauf dagegen auf Nachfrage damit, es habe sich kein anderer Käufer für das Objekt gefunden.

Weitere Merkwürdigkeiten folgten. Zunächst wurde das gesamte Rundfunkgelände von der „Bau und Praktik“ in drei kleinere Areale aufgeteilt und an andere Firmen weitergereicht. Das Kernstück des Rundfunkgeländes mit den denkmalgeschützten Gebäuden und Studios übernahm die „Nalepa Projekt GmbH“. Das geschah schon direkt nach dem Kauf im November 2005 – laut einem dem Tagesspiegel vorliegenden Vertrag zum Nulltarif. Der Kaufbevollmächtigte der „Nalepa Projekt GmbH“ ist zugleich Chef der Hausverwaltung für die Nalepastraße. Ein Vertreter der „Bau und Praktik“ bestritt auf Nachfrage, dass das Gelände ohne Kaufpreis weitergereicht worden sei. Mitte Juli ließ die „Bau und Praktik“ das Kerngelände dann für 3,9 Millionen Euro versteigern.

Einen weiteren Grundstücksteil gab die „Bau und Praktik“ an eine Tochterfirma namens „Spree Development“ weiter. Deren Geschäftsführer ist der Sohn des früheren „Bau und Praktik“-Chefs. Er hat seinen Grundstücksteil inzwischen dem neuen Erwerber des Kerngeländes angeboten. Nach seinen Angaben gegenüber dem Tagesspiegel erwartet er einen Erlös im Millionenbereich. Lediglich ein mit Öl kontaminiertes und damit schwer verkäufliches Teilstück befindet sich noch im Eigentum der „Bau und Praktik“.

Unklar ist weiterhin die Rolle der landeseigene Immobiliengesellschaft von Sachsen-Anhalt (Limsa), die das Objekt federführend für die neuen Länder und Berlin als gemeinsame Eigentümer verwaltete. Der Marktwert des mehr als 13 Hektar großen Grundstücks war wegen dessen komplizierter Struktur umstritten: einerseits die weltberühmten Studios und Säle sowie die attraktive Wasserlage, andererseits die Bodenkontamination durch ein Tanklager sowie der Sanierungsaufwand für die denkmalgeschützten Gebäude.

Mit früheren Interessenten – die allesamt nicht zum Zuge kamen – war zumeist über einen geringen einstelligen Millionenbetrag verhandelt worden. Den Sonderpreis von 350 000 Euro bekam nur die „Bau und Praktik“.

Das ganze Ausmaß dieses Schnäppchens erschließt sich aus dem Wertgutachten eines vereidigten Sachverständigen aus dem Jahr 2004: Darin wird ein Gesamtwert von 21,6 Millionen Euro ermittelt. Die Summe enthält bereits mehr als vier Millionen Euro Wertminderung wegen der Altlasten und des Reparaturbedarfs.

Noch lukrativer wurde das Geschäft für die „Bau und Praktik“ dadurch, dass sie vom ersten Tag an keine Betriebskosten zahlte. Die Limsa schoss nach Angaben ihres inzwischen suspendierten Geschäftsführers Hans-Erich Gerst nahezu 400 000 Euro vor, damit die mehr als 100 Gewerbemieter weiter Strom und Heizung hatten. Das Geld soll nun eingeklagt werden. Ein Vertreter der „Bau und Praktik“ dagegen erklärte dem Tagesspiegel: „Die Limsa hat die Rechnungen an uns nicht weitergereicht.“

Fragen wirft auch eine Vertragsklausel auf, die eine Halbierung des Kaufpreises von 350 000 Euro in Aussicht stellt. Diese sollte gelten, sofern die Limsa einen Vorbesitzer nicht binnen drei Monaten aus dem Grundbuch löschen lässt. Ob die „Bau und Praktik“ 175 000 Euro zurückbekommen hat, ist unklar. Ein Vertreter von „Bau und Praktik“ sowie der suspendierte Limsa-Chef Gerst verneinten das auf Anfrage. Ein involvierter Anwalt sieht das anders und kündigt jetzt an, Strafanzeige zu erstatten.

Formal war die Limsa in Sachsen-Anhalt für die Geschäfte verantwortlich. Angebahnt wurden die Kaufverträge – auch die geplatzten – jedoch in Berlin, von Dietrich Fischer. Der frühere Senatsdirigent war aus dem Ruhestand geholt worden, um in der Nalepastraße als Objektmanager zu arbeiten. „Dass der Verkauf an die ,Bau und Praktik’ seinerzeit richtig war“, sei auch heute noch seine Überzeugung, sagte er. Nach seiner Darstellung scheiterten alle früheren Verkaufsbemühungen an den Interessenten.

Damit widersprach er zumindest drei früheren Interessenten, die nach eigener Aussage nicht zum Zuge kamen, weil ihnen gesagt worden sei, das Objekt sei anderweitig verkauft. Fischer hat den Verkauf an die „Bau und Praktik“ nach Angaben Beteiligter vehement verteidigt – und auch forciert, indem er mit einem ihrer Geschäftspartner zuvor einen Vorvertrag ausgehandelt hat. Dies wird von Fischer bestätigt. Fischer gibt im übrigen dem Senat eine Mitschuld an der Entwicklung: „Wir haben es ja auch dem Land Berlin angeboten, aber das hatte nicht die geringste Neigung, eine Kultureinrichtung dorthin zu ziehen.“ Diese Untätigkeit werfen auch die anderen neuen Länder und die Oppositionsparteien dem Senat vor.

Am Montag soll das Thema in einer Sondersitzung des Medienausschusses des Abgeordnetenhauses erörtert werden.

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