Berlin : Alle lieben Wowereit – fast alle: Genossen nehmen Glamour übel

Dagegen gibt sich die Opposition angesichts der hohen Beliebtheitswerte des Regierenden gelassen. Die Christdemokraten wollen mit einer „Themen-Offensive“ antworten

Sabine Beikler

Von den Wählern bekommt er traumhafte Noten, von eigenen Parteifreunden erhält er Seitenhiebe: Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit ist einigen Parteifreunden zu oft und zu viel auf dem glamourösen Party-Parkett unterwegs. Einen „sozialdemokratischen Gregor-Gysi-Klon“ wolle die Berliner SPD nicht haben, sagt ein SPD-Spitzenpolitiker.

Bei den Berlinern scheint Wowereit aber bestens anzukommen. Fast die Hälfte der Wahlberechtigten sind mit der Arbeit des Regierenden Bürgermeisters zufrieden, im Osten wie im Westen – und an seinen Bekanntheitsgrad von 94 Prozent kommt auch kein anderer Politiker annähernd heran. Das haben Meinungsforscher von Infratest dimap in einer am Samstag veröffentlichten Umfrage im Auftrag von Tagesspiegel und RBB festgestellt. Nur: Die große Unzufriedenheit mit Rot-Rot – das sind 82 Prozent der Befragten – kann der charmante Sympathieträger Wowereit nicht ausbügeln.

Erst recht nicht der SPD-Fraktionsvorsitzende Michael Müller: Den kennt laut Umfrage nur jeder vierte Berliner. „Das ist ein Phänomen, was allen Fraktionsvorsitzenden vor ihm gemein gewesen ist“, beschwichtigt Fraktionssprecher Peter Stadtmüller. Auch Michael Müller stört sich nicht daran, im Schatten Wowereits zu stehen. Er mache die „politische Arbeit nach innen“. Und die ziehe weniger Aufmerksamkeit auf sich, als den Regierungskurs nach außen zu tragen. Der SPD-Politiker räumt aber ein, dass die Koalition mehr Themen als nur das Sparen braucht: „Schulreform, Verkehrspolitik, Quartiersmanagement“, zählt Müller auf. Das erwarten auch Wowereits parteiinterne Kritiker. „Ihr“ Regierender müsse Themen anschieben – statt sich „schmerzfrei“ über Kritik aus eigenen Reihen zu stellen. Dass es für solche Forderungen einen scharfen Rüffel geben kann, hat SPD-Landesvize Andreas Matthae erlebt, der unlängst einen klareren Führungsstil bei Wowereit angemahnt hatte. Seitdem bleiben andere SPD-Kritiker lieber im Hintergrund.

Dass er Wowereit in den Beliebtheits- und Bekanntheitswerten nicht das Wasser reichen kann, ist für PDS-Landeschef Stefan Liebich „überhaupt kein Problem“. Seitdem sich die Berliner PDS von ihrem früheren Medien-Star Gysi frei gestrampelt hat, setzen die Sozialisten auf Identifikation durch Teamarbeit. Die Wahrnehmung in der Öffentlichkeit könne deshalb „dauern“, sagt Landes-Vize Udo Wolf. Aber ein bisschen scheint der Neid doch zu zwicken, ein Spitzenpolitiker jedenfalls frotzelt: „Wowereit eckt ja auch nirgendwo an, wenn er wie ein Johannes Rau von der Spree Politik macht.“

Bei der Opposition indes weiß man, dass beinahe alle Mühen umsonst sind, Wowereit das Wasser abzugraben. FDP-Fraktionschef Martin Lindner zum Beispiel, der durch Forderungen nach öffentlicher Zurschaustellung von „lieber nackten Busen als dicken Bäuchen“ in die Schlagzeilen rutschte, ist nicht einmal jedem fünften Berliner (18 Prozent) bekannt. Abgeschlagen akzeptiert Lindner die unerreichte Position Wowereits. Als seriöser Politiker müsse man eben die Grenzen sehen. Er selbst riskiere schon mal das Äußerste „was an Schärfe geht“. Den Wowereitschen Bekanntheitsgrad könne er wahrscheinlich nur durch eine „Riesenaffäre mit einer Botschafter-Gattin“ erreichen.

Grünen-Fraktionschefin Sibyll Klotz ist unter den Oppositionspolitikern mit 40 Prozent die bekannteste. Gegen Wowereits „Amtsbonus“ habe es jedoch keinen Sinn, sich „hoch zu pfriemeln“. Zudem reize es sie nicht, eine „One-Woman-Show“ gegen eine „One-Man- Show“ aufzuführen. Politik über Personen zu definieren – das sei keine Grünen-Politik.

Dass CDU-Fraktionschef Nicolas Zimmer und Landeschef Joachim Zeller noch nicht lange in ihren Ämtern sind, erklärt für CDU-Sprecher Matthias Wambach deren geringen Bekanntheitsgrad von je rund 25 Prozent. Das sei aber „kein Drama“: Die Union werde sich bei den Haushaltsberatungen im Parlament viel Profil verschaffen. Und wenn die CDU erst ihre „Themen-Offensive“ so richtig beginne, sagt Wambach, dann „wird sich Regiermeister Wowereit nicht mehr auf seinen Lorbeeren ausruhen können“.

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