Berlin : Alle mal zuhören

Bibi Blocksberg wird 25. Die Hörspielhexe hat die Firma Kiddinx zu einem der Marktführer gemacht

Alexander Visser

„Bin ich denn gar nicht gruselig?“, heult das Schlossgespenst. „Doch, du bist sehr gruselig“, sagt Bibi Blocksberg. „Warum habt Ihr dann gar keine Angst vor mir?“, will der Geist wissen. „Weil wir Hexen sind“, erwidern Bibi und ihre Freundin – und Jutta Buschenhagen-Herzog ist endlich zufrieden. Nach dem fünften Anlauf ist die Hörspiel-Produzentin mit der Szene einverstanden: Der Gespenster-Sprecher hat die richtige Mischung aus altehrwürdiger Ritterlichkeit und beleidigter Weinerlichkeit in seiner Stimme vereint. „Machen wir mit der nächsten Szene weiter“, sagt Buschenhagen-Herzog. „Wir sind schon spät dran.“

In dem Tonstudio der Kiddinx Media AG in Berlin-Charlottenburg herrscht Hochbetrieb. Kiddinx besitzt die Markenrechte an so bekannten Charakteren wie dem Elefanten Benjamin Blümchen oder der kleinen Hexe Bibi Blocksberg, die an diesem Donnerstag ihren 25. Geburtstag feiert. Zehn neue Zeichentrickfolgen mit Bibi Blocksberg müssen besprochen werden. Erst gibt es ein Bilderbuch mit den wichtigsten Szenen, das Zeichner in Kopenhagen erstellen. Die Berliner Hörspiel-Profis von Kiddinx geben den Bildern ihre Stimmen. „Danach werden die einzelnen Mundbewegungen der Figuren gezeichnet“, sagt Kiddinx-Chef Eberhard Wecker. „Das lassen wir in China machen.“

Auch kleine Medienfirmen müssen heute international arbeiten, wenn sie im weltweiten Wettbewerb um die Aufmerksamkeit der Kinder bestehen wollen. Der Kiddinx AG mit ihren 65 Mitarbeitern bei einem Umsatz von 35 Millionen Euro gelingt das offenbar ganz gut. Sie gehört neben großen Medienkonzernen wie Universal und Bertelsmann zu den Marktführern bei Kinderhörspielen.

Mittelständische Unternehmen wie Kiddinx bilden das Rückgrat der Berliner Medienbranche. „Die großen Firmen wie Universal kommen nach Berlin, weil die kreativen kleinen schon da sind. Hier finden sie die qualifizierten Mitarbeiter, die sie brauchen“, sagt Christoph Lang, Sprecher der Senatsverwaltung für Wirtschaft. Tatsächlich wächst die Branche in Berlin seit Jahren schneller als im Rest der Republik (siehe Kasten).

Bibi Blocksberg hat Kiddinx in ihren 25 Lebensjahren große Erfolge beschert: Von den Hörspielen wurden über 41 Millionen Exemplare verkauft, seit Jahren steht Bibi Blocksberg in den Kindercharts ganz weit oben. Seit über zehn Jahren reitet sie auf ihrem Besen als Zeichentrickfigur über die Fernsehbildschirme. Der erste Kinofilm mit echten Schauspielern wurde – „hex, hex“ – mit 2,2 Millionen Besuchern der erfolgreichste deutsche Film des Jahres 2002. Der zweite Film lockte vergangenes Jahr 1,3 Millionen Kinder und Eltern in die Kinos.

„Bibi Blocksberg und Benjamin Blümchen sind die mit Abstand erfolgreichsten Hörspielfiguren auf dem Markt“, sagt Hartmut Spiesecke, Sprecher des Phono-Verbands IFPI. Der Kobold Pumuckl (Karussel/Universal) oder das Schlossgespenst Hui Buh (Europa/BMG-Sony) spuken erst auf den hinteren Plätzen. Auf rund 115 Millionen Euro beläuft sich der wachsende Markt für Kindermusik und Hörspiele und beträgt damit 6,4 Prozent des gesamten Audiomarktes in Deutschland. Vor fünf Jahren waren es nur 4,8 Prozent.

„Die Kiddinx-Figuren sind wohl deshalb bei Kindern so beliebt, weil es sympathische Typen sind, die in einer heilen Welt leben und Probleme lösen, die Kinder beschäftigen“, sagt Spiesecke. Kiddinx-Chef Wecker erklärt sich den Erfolg auch mit der liebevollen Fürsorge, die die Firma den von Elfie Donnelly erdachten Charakteren angedeihen lasse. „Es gibt Figuren wie die Pokémons, die mit riesigem Marketingetat zu einem Welterfolg gemacht werden“, sagt Wecker. „Das können wir nicht. Wir investieren langfristig in unsere Charaktere.“ Dazu gehöre auch, nicht jede Marketing-Aktion mitzumachen, um das Publikum nicht zu ermüden. „Heute kaufen Mütter, die selbst mit Benjamin Blümchen und Bibi Blocksberg groß geworden sind, unsere Hörspiele für ihre eigenen Kinder“, sagt Wecker.

Die Unternehmensgeschichte von Kiddinx begann nicht mit Hörspielen, sondern 1969 mit dem Kopieren von Musikkassetten bei der Firma ITP Tonband Produktions KG. Heute bildet die vom Unternehmer Karl Blatz zur Medienholding ausgebaute ITP die Muttergesellschaft für die Kiddinx-Gruppe. Noch immer gehört das Kopierwerk in Neukölln zur Unternehmensgruppe. Acht bis neun Millionen Kassetten werden dort jährlich bespielt. Doch großes Geld lässt sich mit der alten Technik nicht mehr verdienen.

Der Umfang der Fremdaufträge sinkt kontinuierlich. Neue Musiktitel gibt es längst nicht mehr auf Band, selbst Sprachlernkassetten werden von der CD verdrängt. Dennoch ist Eberhard Wecker überzeugt, dass es die Hörspielkassette mindestens noch einige Jahre geben wird: „Weil sie so robust sind, sind Kassetten immer noch der geeignetste Tonträger für die Altersgruppe von drei bis zehn Jahren.“

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