Berlin : Alle sind schuld

Die Grüne Bilkay Öney fordert ein Ende der gegenseitigen Vorwürfe in der Integrationsdebatte

Sabine Beikler

Es waren ihre ersten Worte nach der Wahl. Wenn es um Integration gehe, seien Landsleute ihr manchmal richtig peinlich, sagte Bilkay Öney, kurz nachdem die Grünen sie am Sonnabend auf Platz drei der Landesliste zur Abgeordnetenhauswahl nominiert hatten. Doch das nahm sie am Sonntag dann gleich wieder zurück. Die 35-jährige Deutsch-Türkin will keine einseitigen Schuldzuweisungen, warum Integrationspolitik in Deutschland offensichtlich an die Grenzen gekommen ist. Bilkay Öney wirbt für ein „besseres Miteinander aller“ und fordert, dass Deutsche und Migranten mehr aufeinander zugehen müssten.

Die Fernsehjournalistin will eine Integrationspolitik, in der der Leitsatz „Fördern und Fordern“ in ein Gleichgewicht gebracht wird. Gefördert werden müssen Sprachkurse für Migranten, aber ebenso die Einbindung von Migranten ins Wirtschaftsleben. 20 000 Gewerbetreibende nichtdeutscher Herkunft würden in Berlin Arbeitsplätze schaffen. „Diese Unternehmen müssen besser unterstützt werden“, sagt sie.

Die bekannt gewordenen Gewalttätigkeiten an der Neuköllner Rütli-Schule sieht Bilkay Öney nicht als „ausländerspezifisches“ Problem, sondern als ein generelles Jugendproblem an. Würden Schüler zum Beispiel durch aggressives Verhalten auffallen, dann „müssen Lehrer gezielt mit den Eltern“ sprechen. Das betreffe nicht nur Jugendliche aus Migrantenfamilien, sondern eben auch deutsche. Das hat Bilkay Öney selbst erlebt: Ihre Eltern sind Lehrer. Der Vater ist inzwischen pensioniert, ihre Mutter arbeitet in Neukölln als Grundschullehrerin. „Die haben Eltern zu Hause besucht, wenn es Probleme mit den Kindern gab“, sagt sie. Dass Lehrer oft überfordert sind, wisse sie zwar. „Wie hoch das Engagement für einen Schüler ist, hängt aber oft auch von der Motivation der Lehrer ab.

Um ausländische Eltern auch aus bildungsfernen Schichten zu erreichen, fordert Öney von Migrantenverbänden, mehr Schulpartnerschaften einzugehen und selbst gezielt auf die Eltern zuzugehen. Auch Imame stünden in der Pflicht, an ausländische Eltern zu appellieren, ihre Kinder zum Beispiel frühzeitig in den Kindergarten zu geben, damit sie dort die deutsche Sprache lernen.

Die „direkte Ansprache von Migranten in ihren Kiezen“ sei das A und O für gute Überzeugungsarbeit. Auch das kennt Bilkay Öney aus Erfahrung. Seit Jahren engagiert sie sich ehrenamtlich in der Integrationspolitik. Sie ist Sprecherin von ImmiGrün, einem grünennahen Verein, der sich für die Belange von Migranten einsetzt und zum Beispiel die Einbürgerungskampagne initiiert hat. Sie sitzt im Vorstand von IMA e.V., einem freien Träger, der Sozialberatungen für ausländische Frauen oder Mutter-Kind-Kurse anbietet. „Dort geben Frauen für Frauen Deutschunterricht. Das spricht sich herum und deshalb kommen mehr und mehr Frauen, um Deutsch zu lernen.“

Bilkay Öney selbst ist bilingual aufgewachsen. „Meine Eltern haben mit uns Kindern Türkisch und Deutsch zu Hause gesprochen.“ Und dass ihre Eltern bei den drei Töchtern großen Wert auf Bildung gelegt hätten, sei eine Selbstverständlichkeit gewesen. Nach ihrem Abitur hat Bilkay Öney Betriebswirtschaft und Medienberatung studiert und die Ausbildung als Diplom-Kauffrau abgeschlossen.

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