Berlin : Alle Wetter

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VON TAG ZU TAG

Andreas Conrad über

die Höhen und Tiefen des Lebens

Die Altvorderen haben sich zur Erklärung meteorologischer Phänomene gerne höherer Wesen bedient. So kannten die Ägypter Seth, unter anderem Gott des Sturms, die Griechen verehrten den Sonnengott Helios, und die alten Germanen wisperten, wenn es donnerte, verschreckt den Namen Thors. Religiöse Beschwörung des Wechsels von Regen und Sonnenschein ist aus der Mode gekommen, doch haben sich Rudimente solchen Verhaltens erhalten und genießen erstaunliche Popularität. Es ist ein vergleichsweise preiswertes Verfahren, das Wetter zu personifizieren: 299 Euro für den Namen eines Hochs, 100 Euro weniger für ein Tief. Leider sind die Möglichkeiten, eine Großwetterlage zu taufen, auf Vornamen beschränkt, eine angesichts leerer Kassen unverständliche Beschränkung der Werbewirtschaft. Gewiss, man kann seine Liebste per Hoch anhimmeln. Oder seinem Chef per Tief abmahnungssicher signalisieren, was man von ihm hält. Aber all dies bleibt im privaten Bereich, die Tarife sind entsprechend. Allenfalls der Otto-Versand könnte sich ein Hoch bestellen, aber was ist mit all den Firmen, die den falschen Namen tragen? Wie sieht es mit den Parteien aus, den Verbänden, Kirchen? Natürlich würden die alle nur Hochs haben wollen, aber über kurz oder lang kriegen die Wissenschaftler sicher auch das in den Griff – und wir dafür mehr schönes Wetter.

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