Berlin : Allein unter Nachbarn

In Spandau wurden zwei Kinder extrem vernachlässigt. Nun fragen sich alle, warum das keiner bemerkt hat

Rainer W. During[Jörn Hasselmann],Annett

Im Flur ist auf einem Aushang exakt geregelt, an welche „Bohrzeiten“ sich Heimwerker halten müssen. Hunde gehören an die Leine und dürfen hier nicht hinmachen, so mahnen draußen gleich zwei Schilder. Auf den ersten Blick hat in diesem Haus alles seine Ordnung. Wäre da nicht die Wohnung im Erdgeschoss gleich neben den rund 100 Briefkästen im Haus Schäferstraße 2 in Spandau. Hinter der dicken dunklen Tür, die eher wie der Zugang zum Keller wirkt, hat eine Familie mit zwei Kindern in, wie die Polizei es formulierte, „katastrophalen hygienischen Zuständen“ gelebt.

Der schwere Fall von Kindesvernachlässigung wurde, wie berichtet, am Freitag bekannt, nachdem ein 45-Jähriger im Spandauer Krankenhaus aufgefallen war. Dort hatte sich der Mann mit einer blutenden Verletzung im Genitalbereich gemeldet – er habe sich „beim Spielen mit den Kindern“ verletzt. Offensichtlich habe sich der Mann geschämt, hieß es bei der Polizei, er soll sich die Wunde am Hoden beim Rasieren der Schamhaare zugezogen haben. Stutzig wurde das Klinikpersonal durch die Bitte, das Jugendamt nicht einzuschalten, weil sich eine Nachbarin um die Jungen kümmere. Die Schwestern informierten daraufhin sofort das Amt. Die beiden drei und sieben Jahre alten Kinder wurden aus der vermüllten und verkoteten Wohnung geholt und kamen in die Obhut des Kindernotdienstes. Der Mann und die Mutter – sie erklärte, sie sei ein Pflegefall – liegen beide im Krankenhaus. Die Ermittlung führt das für Misshandlung und Vernachlässigung zuständige LKA 125.

„Akribisch nachvollziehen“ will Spandaus Jugenddezernentin Ursula Meys (SPD) nun, wie die Vernachlässigung so lange unentdeckt bleiben konnte. Fest scheint nur zu stehen, dass die Familie dem Jugendamt nicht bekannt war. Offen ist indes, warum die Verwahrlosung des siebenjährigen Jungen nicht in der Schule bemerkt worden ist. Wie aus Behördenkreisen verlautete, befanden sich die beiden Kinder in einem Zustand, der eigentlich hätte auffallen müssen. Auch Nachbarn hatten sich nicht an das Jugendamt gewandt, wohl aber beim Vermieter über die Zustände in der Wohnung beschwert. Auch von dort war aber kein Hinweis an die Behörde ergangen, sagte Ursula Meys. Am Montag soll nun auch geklärt werden, ob die Familie dem Sozialamt bekannt war. Nach Auskunft von Nachbarn durften die Jungen „nicht oft raus zum Spielen“. Die Jalousien waren auch tagsüber stets unten. Der Hund der Familie hatte auf der Terrasse sein Auslaufgebiet .

Die Kripo bietet unter 4664 912 555 eine vertrauliche Beratung an, wenn Nachbarn oder Bekannte Verdacht auf Vernachlässigung oder Misshandlung haben.

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