Alleinerziehende in Berlin : Kein Vater, Mutter, Kind

Die Statistik sagt: In einem Drittel der Berliner Familien kümmert sich nur ein Erwachsener um die Kinder. Aber was bedeutet es wirklich, alleinerziehend zu sein? Wir haben zwei sehr unterschiedliche Frauen einen Sommer lang begleitet.

Esther Göbel
Alles im Griff? Die Pankower Doktorandin Johanna, 30, mit ihrer sechsjährigen Tochter Klara.
Alles im Griff? Die Pankower Doktorandin Johanna, 30, mit ihrer sechsjährigen Tochter Klara.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Johanna sagt, an guten Tagen sei sie eine Kämpferin. Und an schlechten einfach nur total fertig. Der Tag heute gehört eher zur zweiten Kategorie. Johanna ist wütend, bis zum Anschlag. Der Vater ihrer Tochter Klara, sechs Jahre, ist nicht zur verabredeten Zeit aufgetaucht. Eigentlich sollte er an diesem Sonntagnachmittag bei Johanna in Pankow vor der Tür stehen. Ankommen wird er schließlich zwei Tage später, Dienstag, 16 Uhr. Längst hat Johanna aufgehört zu zählen, wie viele Stunden sie schon auf Klaras Vater gewartet hat. Stattdessen besorgt sie sich jetzt einen Eimer Farbe und streicht ihre Wohnungstür von innen komplett orange. Frust-Painting, so nennt sie das.

Tanja sagt, anstrengend sei als Alleinerziehende eigentlich alles. Und zwar immer. Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag, Freitag, Samstag, Sonntag. Keine Pause, nie. Immer laste die Verantwortung für ihren Sohn Mattes, vier, und ihre Tochter Melanie, anderthalb, komplett auf ihr. Der Vater der beiden sitzt im Knast. Tanja weiß nicht mal genau, wo, sie weiß nur, dass sie nichts mehr mit ihm zu tun haben will. Sie will auch nicht, dass er sie in diesem Text erkennt, weswegen sie und ihre Kinder hier einen anderen Namen tragen als im echten Leben. Tanja nimmt einen tiefen Zug von ihrer Zigarette. Eigentlich hat sie sowieso keine Zeit, über ihren Ex nachzudenken. Tanja hat andere Probleme. Zum Beispiel, ihrem Leben und dem ihrer Kinder endlich eine Richtung zu geben.

90 Prozent der Alleinerziehenden sind weiblich

Johanna und Tanja, zwei Frauen aus Berlin, die vieles trennt. Die eine ist 30 Jahre alt, lebt in Pankow, hat studiert, arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin mit Lehrtätigkeit an der Universität Frankfurt/Oder, Kulturwissenschaftliche Fakultät, schreibt ihre Doktorarbeit, vielleicht macht sie sich als Dozentin selbstständig. Die andere ist 21 Jahre alt, lebt in Marzahn, hat nicht studiert, keine Ausbildung absolviert, nur den Hauptschulabschluss neunte Klasse, und lebt von Hartz IV.

Johanna und Tanja kennen sich nicht, sie haben sich noch nie gesehen. Es ist unwahrscheinlich, dass ihre Lebenswege sich jemals kreuzen werden. Und doch verbindet die beiden ein Lebensumstand, er nennt sich: alleinerziehend. Damit zählen sie zu jener Gruppe von Personen, die sich ganz oder hauptsächlich ohne Partner um den eigenen Nachwuchs kümmern. In Berlin ist das in 36 Prozent aller Familien der Fall – das ist mehr als ein Drittel. Und mehr als in jeder anderen deutschen Stadt. Berlin die Hauptstadt der Alleinerziehenden. Am häufigsten leben sie in Pankow, Mitte und Marzahn-Hellersdorf, sagt die Statistik. In 90 Prozent aller Fälle sind Alleinerziehende weiblich, ihr Armutsrisiko ist besonders hoch. 2008 bezogen fast 40 Prozent der alleinerziehenden Mütter in Berlin Hartz IV.

Das sind die Zahlen, sie sind beunruhigend. Aber wie geht es den Frauen tatsächlich? Mit welchen Problemen haben sie zu kämpfen? Um das herauszufinden, haben wir Johanna und Tanja über drei Monate hinweg begleitet, haben ihre Leben kennen gelernt. Einen ganzen Sommer lang.

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