Allergieforschung an der Charité : Niesen für die Wissenschaft

In einer mobilen Kammer lassen Charité-Forscher das ganze Jahr über Pollen fliegen. Allergiker wagen sich als Probanden hinein.

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Weltweit einmalig: In der Kammer werden Medikamente an verschiedenen Orten vor der Zulassung getestet.
Weltweit einmalig: In der Kammer werden Medikamente an verschiedenen Orten vor der Zulassung getestet.Foto: Allergie-Zentrum Charité

Da saß sie nun, im weißen Einweg-Overall, in einem sterilen Container – und fühlte sich wie auf einer Sommerwiese. "Wie vor dem Reichstag", sagt Mara Smith (Name geändert) belustigt. "Das war schon beeindruckend, wie schlimm der Heuschnupfen plötzlich wurde." Ein Gefühl wie auf einer Sommerwiese – das klingt für die meisten wie etwas sehr Schönes. Für Mara Smith ist der Gedanke abschreckend: Die 45-Jährige ist gegen Gräserpollen allergisch, kommen noch Birkenpollen dazu, wird es ganz schlimm. Freiwillig begibt sie sich ungern in so eine Situation. Vor Kurzem hat sie es doch getan, als Probandin in der neu entwickelten "mobilen Pollenkammer" der Charité. "Für die Forschung mache ich so etwas gern. Es ist aufregend."

Die Pollenkammer besteht aus zwei zu einem Versuchsraum umgewandelten Containern, in denen Allergieforschung betrieben wird. "Es ist weltweit die erste Kammer dieser Art. Mit ihr können schnell multizentrische Studien in der Allergieforschung stattfinden, wie sie von den Zulassungsstellen für Medikamente gefordert werden", sagt Torsten Zuberbier. "Multizentrisch" bedeutet, dass die Studie an verschiedenen Orten stattfindet. Zuberbier ist Leiter der Klinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie und des Allergie-Centrums der Charité in Mitte. Seine Klinik gehört zu den führenden Allergieforschungszentren. Sieben Millionen Euro an Drittmitteln hat sie pro Jahr für die Forschung zur Verfügung. Zuberbier ist an einer ganzen Reihe von Organisationen beteiligt, die sich mit dem Thema Allergie auseinandersetzen. Und Mitinitiator eines Forschungsnetzwerks, das sicherstellen soll, dass europäische Allergologie-Forscher nicht "doppelt" arbeiten – oder "gegeneinander", wie Zuberbier es ausdrückt.

Eine Allergie ist eine Überreaktion des menschlichen Immunsystems

Wenn man mit ihm über die unterschiedlichen Forschungsprojekte unter seinen Fittichen sprechen möchte, überlegt er, mit welchem er beginnen soll: "Wir haben 70 Projekte parallel laufen – auf allen Ebenen, von der Grundlagen- bis zur Versorgungsforschung." Mehrere Dutzend Labore liegen gleich neben den Krankenzimmern. Durch bullaugenähnliche Fenster können Patienten, die hier ihren Tropf durch die Gänge schieben, Brutschränke für Zellkulturen sehen und Pipetten, Reagenzgläser, Feinwagen, Mikroskope und Probenteller. Sie bekommen mit, dass intensiv geforscht wird.

Torsten Zuberbiers eigener Schwerpunkt ist die Urtikaria (Nesselsucht), bei der Erkrankte große Quaddeln bekommen, oft weil sie ein Medikament, ein Nahrungsmittel oder körpereigene Stoffe nicht vertragen. Gerade hat Zuberbiers Team getestet, ob sich ein Asthma-Medikament auch für die Behandlung von Nesselsucht eignet. Jetzt ist es dafür zugelassen. Zuberbier selbst steht nicht mehr im Labor, bei ihm laufen aber die Fäden aller Forschungsprojekte zusammen.

In der Pollenkammer können Forscher die Probanden gezielt reizen

"Eine Allergie ist eine Überreaktion des menschlichen Immunsystems auf bestimmte, normalerweise harmlose Stoffe der Umwelt", so beschreibt das European Center for Allergy Research Foundation (Ecarf) – eine Stiftung, die Zuberbier ebenfalls leitet – die Krankheit. Die Stiftung hat es sich zum Ziel gemacht, "dass Allergiker ein besseres und einfacheres Leben haben als bisher". Grundlage dafür ist eine effiziente Forschung. Das Besondere an der Allergieforschung: Anders als andere Krankheiten tritt eine Allergie nur dann auf, wenn auch das Allergen vorhanden ist. Sonst ist der Proband ja gesund und man kann die Allergie nicht untersuchen. Für die Forschung muss man also jedes Mal eine allergische Reaktion hervorrufen.

Und da kommt die mobile Pollenkammer ins Spiel: In ihr können Wissenschaftler eine "Provokationssituation schaffen". Sie ist ein besonderes Projekt, weil sie die Allergieforschung vereinfacht und effizienter macht: "Einige große fest installierte Pollenkammern gibt es schon länger, in Toronto, Wien und Hannover", sagt Zuberbier. "Aber oft dauerte es lange, eine ausreichend große Gruppe geeigneter Probanden an einem einzigen Ort zusammenzubekommen. In der mobilen Pollenkammer können 200 bis 300 Probanden schnell hintereinander an verschiedenen Orten getestet werden." Nur eineinhalb Stunden dauert es, bis der dazugehörige Lastwagen mit eigenem Kran die beiden Container der mobilen Container verladen hat. "So können wir auch in anderen Städten Provokationstestungen machen."

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Bislang habe man eher Feldstudien durchgeführt. Die Probanden führten dafür Tagebücher. "Viele dieser Studien waren sehr ungenau", sagt Zuberbier. Denn die Konzentration von Pollen ist normalerweise überall verschieden – schon in zwei nebeneinanderliegenden Straßen. Die Pollenkammer brauchen die Forscher also auch, um allergische Reaktionen und Medikamente in "standardisierter Form" zu untersuchen. Wie aber läuft das ab? Die beiden Container stehen dicht nebeneinander und sind durch eine Tür verbunden. Im ersten Container liegen der Observations- und Umkleideraum – eine Art Schleuse –, durch den Probanden in die "Testkammer" gelangen. Bevor sie sie betreten, wird gemessen, ob keine ungewollten Allergene hineingelangt sind. "Vorher mussten wir mehrere Tests machen", erzählt Probandin Mara Smith. "Etwa den Pustetest mit dem Spirometer, der zeigt, wie belastet die Lunge eigentlich gerade ist." Der weiße Overall mit Kapuze, den die Probanden im Umkleideraum bekommen, soll verhindern, dass Allergene an der Kleidung mit in die Testkammer gelangen. "Wie auf einem Rave in den Achtzigern", sagt Mara Smith und lacht.

Probanden können einer Konzentration von bis zu 10.000 Pollen pro Kubikmeter ausgesetzt werden

In die Testkammer passen dann bis zu neun Probanden. Nehmen sie hintereinander Platz, sieht es aus wie in einem Kleinbus. Über jedem Sitz ist eine Vorrichtung in der Decke, aus der die Pollen kommen. Jede freigesetzte Polle wird mit einem Laser gezählt. Probanden können einer Konzentration von 500 bis 10.000 Pollen pro Kubikmeter ausgesetzt werden. Jeder Proband hat ein Clipboard, auf dem er alle zehn Minuten subjektive Eindrücke notiert: Wie stark die Nase läuft, wie sehr er husten muss. Zusätzlich checkt einer der Ärzte immer wieder Lungen- und Nasenfunktion sowie die Rötung der Augen. "Wir hatten vorher einen Beutel voll Taschentücher bekommen und sollten alle gebrauchten Tücher wieder hineinstecken, hinterher wurde er gewogen. Mir tat der arme Mensch, der das machen musste, wirklich leid, weil mein Beutel wirklich sehr voll und nass war", sagt Mara Smith.

Drei Mal eineinhalb Stunden verbrachte sie in der Kammer – mit Gräser- und Birkenpollen und mit Hausstaubmilben. In den ersten beiden Tests ging es darum, die Pollenkammer "technisch zu validieren, sie also auf Herz und Nieren zu prüfen", sagt Zuberbier. Nach einer Stunde in der Pollenkammer sei der maximale Beschwerdegrad erreicht worden. Jetzt wird getestet, ob die Kammer auch für Hausstaubmilben funktioniert. "Wir planen eine Studie zur Hausstaubmilben-Immuntherapie." Die Forscher um Zuberbier wollen herausfinden, ob eine spezielle Immuntherapie gegen Hausstaubmilben auch in Tablettenform wirkt. Bislang verabreicht man sie in Spritzen- und Tropfenform. "Tabletten sind genauer zu dosieren", so Zuberbier. "Eine Immuntherapie bedeutet, das Immunsystem langsam an das Allergen zu gewöhnen."

Bei der Immuntherapie wird der Körper langsam an das Allergen gewöhnt

Das Ergebnis des Tests mit den Milben hat Mara Smith überrascht: "Dass ich so schnell und stark darauf reagiere, hätte ich nicht gedacht." Ihre Augen tränten sehr, sie bekam kaum Luft. Vorher hatte sie noch nie eine derart heftige Reaktion. "Zu Hause kann man den Hausstaub ja gut kontrollieren und ihn, anders als Birken- und Gräserpollen, besser meiden." In Zukunft will sie deshalb bei der Auswahl von Ferienwohnungen und Hotels darauf achten, dass sie allergikerfreundlich sind und das ECARF-Qualitätssiegel für Produkte und Dienstleistungen tragen. Auch Kosmetik, Wasch- oder Reinigungsmittel, Kleidung, technische Produkte können mit dem Siegel ausgezeichnet werden. So gelingt es ihr möglicherweise, im Alltag noch anderen Allergenen als dem Hausstaub aus dem Weg zu gehen. Und tut damit das genaue Gegenteil von dem, was sie in der Pollenkammer tun muss.

Mehr Artikel zum Thema Allergien finden Sie im Magazin Tagesspiegel GESUND, zum Beispiel "Allergisch gegen Essen – Wenn Speisen zur Qual werden" oder "Reineprüfung – Ein Siegel für allergikerfreundliche Produkte". Das Magazin kostet 6,50 Euro und ist erhältlich im Tagesspiegel-Shop, www.tagesspiegel.de/shop, Tel. 29021-520, sowie im Zeitschriftenhandel.

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