Berlin : Alles auf einen: Liebich ist die doppelte Hoffnung

Der 29-jährige PDS-Landeschef wird jetzt auch die Fraktion führen

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Der Protagonist gibt sich vor der Fraktionssitzung am Montagabend noch zugeknöpft. Ob er es als eine ideale Lösung betrachte, zum PDS-Parteivorsitz auch noch den Fraktionsvorsitz zu übernehmen? „Dazu sage ich nichts“, blockt Stefan Liebich (PDS) ab. Ob er zwischen beiden Posten nicht aufgerieben werden könnte? „Das kommentiere ich nicht.“

Doch auch, wenn es erst am Abend offiziell war: Schon lange vorher galt es für die meisten PDS-Abgeordneten als abgemacht, dass Stefan Liebich (29) den Postendes Fraktionsvorsitzenden im Abgeordnetenhaus von Harald Wolf erben und das Amt zusätzlich zu dem des Landesvorsitzenden übernehmen würde. Vor allem von der „jungen Garde“ im Abgeordnetenhaus wird der Wechsel begrüßt. „Da habe ich überhaupt keine Bedenken“, sagt Evrin Baba (Jahrgang 71). „Liebich kann den Job ausgesprochen gut machen“, sagt Benjamin Hoff (Jahrgang 76). Er sei ein „außerordentlich kommunikativer Mensch“, der im Abgeordnetenhaus leicht Verbündete finde. Dass beide Ämter zukünftig auf Liebichs Schultern liegen, betrachtet Hoff allerdings als keine ideale Lösung. „Da sollte man eventuell im Abgeordnetenhaus jemanden nachwachsen lassen, der den Fraktionsvorsitz übernehmen kann.“Einigkeit herrscht in einem Punkt: „Das ist eine sehr anspruchsvolle Aufgabe“, sagt Vize-Fraktionschefin Carola Freundl. Liebich wird auf dem politischen Parkett nicht zum ersten Mal herausgefordert. Drei Tage erst war er Landesvorsitzender der Berliner PDS, als ihn das Zerwürfnis zwischen SPD, FDP und Grünen zum Verhandlungsführer über das erste rot-rote Bündnis in Berlin machte – und er die Rolle ausfüllte, als habe er nie etwas anderes getan.

Liebich wurde 1972 in Wismar geboren. Als er zehn Jahre alt war, zog die Familie nach Marzahn. Er wurde FDJ-Sekretär. 1989 gründete er den Marxistischen Jugendverband „Junge Linke“ mit. Zwei Monate nach der Wiedervereinigung, da wurde er volljährig, trat Liebich in die PDS ein. Seit 1995 sitzt er, von den Biesdorfer Bürgern mit einem Direktmandat versehen, im Abgeordnetenhaus. Als wirtschaftspolitischer Sprecher und als Haushaltsexperte. Im Parlament hat er sich durchgeboxt, gilt bei allen Parteien als seriöser, im Umgang unkomplizierter Gesprächspartner. „Gucken, was machbar ist“, lautet seine Devise.

Innerhalb der PDS gilt Liebich als Reformer. Einer, der seine Anliegen klar, aber mit gewinnendem Lächeln vorträgt. Der junge Talente in der Partei fördert, aber Kritik nicht auslässt. In einem internen Diskussionspapier bemängelte er beispielsweise im vergangenen Frühjahr, dass die PDS bisher nur „einige wenige Reformpakete im Angebot“ habe. Er kritisierte unzureichende Konzeptionen in der Sozial-, Gleichstellungs- und Bildungspolitik. Von den Parteifreunden forderte er Lösungen, denn: „Wir sind in der für uns neuen Situation, dass die Konzepte, die die PDS erarbeitet, in der Gefahr stehen, tatsächlich umgesetzt zu werden.“

Ob Liebich als Fraktions- und Parteivorsitzender nur eine Übergangslösung ist, liegt vor allem an ihm selbst. Die PDS hat bekanntlich nur eine dünne Personaldecke. Ein Genosse aus der Führungsriege sagt: „Man muss ja aufpassen, dass man die Leute nicht verheizt.“ Andererseits habe Liebich „das Potenzial“, auch in die neue Aufgabe als Chef des Abgeordnetenhauses hineinzuwachsen.

Eine Trennung der beiden Ämter bezeichnet auch die Abgeordnete Gesine Lötzsch als „prinzipiell immer besser“. Die 40–Jährige hat Anfang der 90er Jahre selbst Erfahrungen als Fraktionsvorsitzende gesammelt – und rät Liebich, auch trotz der Übernahme beider Posten: „Bloß nicht alles selber machen!“ Katja Füchsel

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