Berlin : Alles außer Mord

Rüdiger Warnstädt galt als Kultfigur der Berliner Justiz Jetzt zieht der frühere Richter mit seinem neuen Buch durchs Land

Katja Füchsel

Lichtzeichensignalanlage! Justizvollzugsanstalt! Das sind die Wörter, die den Richter a.D. so richtig in Fahrt bringen, und, als seien diese Ungetüme nicht schon schlimm genug, dann auch noch diese behördlichen Abkürzungen: LZA! JVA! Tausend Mal muss Rüdiger Warnstädt, Berlins bekanntester Amtsrichter, sie in seinem Saal 672 gehört haben, dennoch: „Ich bin immer wieder hingerissen, wenn ich lese: Die LZA strahlte rotes Licht ab!“

Was dann kommt, ist einer von Warnstädts Vorträgen, die im Amtsgerichtssaal 672 bis heute als legendär gelten. Bis vor zwei Jahren pilgerten Schulklassen zu seinen Verhandlungen, Journalisten, Referendare, Stammgäste. Seit seiner Pensionierung kommt Warnstädt seinen Fans auf halbem Weg entgegen: Zwei Bücher hat er bereits veröffentlicht, derzeit zieht er mit seinen Lesungen durch die Republik. „Kürzlich Greifswald, dann Ludwigsfelde, Neuruppin, Dessau-Roßlau“, zählt Warnstädt auf. Morgen liest der Richter in Berlin gegenüber dem Kriminalgericht aus seinem zweiten Buch: „Herr Richter, was spricht er?“

Dem Himmel sei Dank: Das Buch hält nicht, was der Titel in seiner Plattheit verspricht. Aber gegen die Idee seines Verlages konnte sich Warnstädt, der das letzte Wort sonst nur ungern anderen überlässt, offenbar nicht durchsetzen. „Die wissen, was sich verkauft“, wiegelt der 66-jährige Jungliterat ab. Mit seinem ersten Buch („Recht so“) sind Warnstädts schönste Urteile erschienen, jetzt hat der Richter a. D. über sich selbst und seine eigene Art Recht zu sprechen, geschrieben. Er erzählt Geschichten von gebesserten, rückfälligen oder unbelehrbaren Tätern, von alltäglichen Konflikten und anrührenden Schicksalen.

Warnstädt brauchte weder Mord noch Totschlag, um von den Medien als „ungekrönter König des Kriminalgerichts“, als „Kultfigur der Berliner Justiz“ gefeiert zu werden. Jahrzehnt um Jahrzehnt richtete Warnstädt über Eierdiebe, Schläger und Säufer. Streitende Nachbarn saßen bei ihm auf der Anklagebank, pöbelnde Nazis, beleidigte Polizisten, zahlungsunfähige Väter. Er hätte aufsteigen können in den Hierarchien der Justiz, blieb aber dem Amtsgericht treu. Auch Angebote vom Fernsehen lehnte Warnstädt ab. „Weil ich ein königlicher Richter bin und nicht zum Knecht von irgendwelchen Fernsehgewaltigen werden wollte.“ Statt seiner übernahm Barbara Salesch die Rolle.

Aber Warnstädt live und in Farbe verspricht ohnehin höheren Genuss, wobei die Zuschauer keine klassische Lesung erwartet. „Die meisten wollen doch viel lieber Geschichten erzählt bekommen“, sagt Warnstädt. Man mag seine Betrachtungen brillant finden, rechthaberisch, komisch, selbstverliebt, geistreich, zauselig, ironisch – langweilig sind sie ganz sicher nicht. Und um zur LZA zurückzukommen: Warnstädt ist überzeugter Fußgänger und quert die Straße, wenn sie frei ist – egal, ob gerade rotes, gelbes oder grünes Licht abstrahlt. Denn sich ohne Knautschzone auf eine LZA zu verlassen, findet Warnstädt hanebüchen. „Fährt ein Auto über Spätgelb oder Rot, ist der Fußgänger überrascht, verletzt oder tot.“


Dieses Buch bestellenRüdiger Warnstädt liest am 11. und am 18. November aus „Herr Richter, was spricht er?“ (Das Neue Berlin, 14,90 Euro) in der Dorotheenstädtischen Buchhandlung, Turmstraße 5 , um 20 Uhr. Anmeldungen sind unter der Telefonnummer 394 30 47 erbeten.

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