Berlin : Alles für die Kröt’!

Wolfram Siebeck

„Es muss am Wetter liegen“, sagt sie, als ich ihr vorwerfe, dass sie ihren Dauerschlaf nur noch unterbricht, um zu fressen. Ihre Erklärung verstehe ich gut. Auch mich überfällt bei diesem Wetter die Schlafsucht so vehement, dass ich es nicht mal höre, wenn mir das Buch aus der Hand fällt. Vielleicht bin ich auch halbtaub; aber dass Frau Hoffmann, die über mir auf der Fensterbank liegt, es auch nicht hört, spricht eher fürs Wetter.

„In den Mittelgebirgen hört es nicht auf zu schneien“, wiederholt sie, was sie soeben im Fernsehen gehört hat. „Ist es das, was du die Klimakatastrophe nennst?“

„Wahrscheinlich“, antworte ich, „ist es das Ozonloch. Das hat Auswirkungen auch auf Wetterfrösche.“

„Ich mag keine Frösche, das solltest du wissen.“ In ihrer Stimme klingt Ekel mit. Tatsächlich kenne ich lediglich ihren Widerwillen gegen Kröten. In der Drôme wohnt eine in der Nähe des Hauses; nachts hören wir, wie sie ein kleines Glöckchen erklingen lässt. Wenn Frau Hoffmann auf sie stößt, macht sie einen Buckel und verzieht sich auf der Stelle.

„Auswirkungen auch auf das Investitionsklima“, fügt sie naseweis hinzu.

„Wie kommst du denn da drauf?“

„Das sagen sie doch im Radio jeden Tag. Ob Überschwemmungen die Inseln fressen, die Eisenbahner streiken oder Schulkinder durch die Luft fliegen, es ist alles schlecht für das Investitionsklima.“

„Wobei manches übertrieben sein wird, wie deine Schulkinder, bei denen es sich wohl um vergrippte Zugvögel handelt.“

Wie immer, wenn ich ihr einen Versprecher nachweise, ist sie zuerst etwas beleidigt. Also sagt sie nichts und putzt sich.

„Und woran“, fragt sie schließlich, „erkennt man ein Investitionsklima?“

„Daran, dass es von Experten so genannt wird.“

„Experten wie Kachelmann?“

„Eher von Leuten wie Westerwelle.“

„Versteht der auch was vom Wetter?“

„Was heißt ,auch‘? Er ist der Mensch gewordene Wetterfrosch. Treppe rauf, Treppe runter, immer ein paar Stunden zu spät, aber ungeheuer beweglich. Nur grün ist er nicht.“

„Was macht eigentlich mein Freund Joschka?“

Dass der Alt-Außenminister ihr Freund ist, wusste ich nicht. Ich habe auch keine Ahnung, in welchem Vorstand er heute sitzt.

„Vielleicht hat er eine Mokka-Stube im Bazar von Beirut eröffnet.“

„In Beirut gibt es viele Katzen“, sagt Frau Hoffmann versonnen.

„Woher willst du das wissen?“

„Man hat so seine Informationen“, maunzt sie und rollt sich zusammen.

Angeberin! Was kann sie schon über Beirut wissen? Aus dem Vorderen Orient kriegt sie weder Mails noch Ansichtskarten. Die Brieffreundin, mit der sie regelmäßig korrespondiert, wohnt in Australien. Es ist ein Känguru. Das stand eines Tages in unserer Berliner Wohnung vor der Tür und sammelte für den Tierschutz. Frau Hoffmann lud es spontan zu einem Teller Milch ein, den die junge Wild-Life Aktivistin sauber leckte und in ihrem Beutel verschwinden ließ. Er war aus der Tukan Serie von Hermés. Das passte irgendwie zusammen.

Ich versuche, ihre nächste Schlafetappe hinauszuzögern: „Wie ist denn das Wetter in Beirut?“

Frau Hoffmann stöhnt wohlig und legt eine Pfote über ihre Augen. Ich taste nach dem Buch, das unter die Liege gefallen war. Es ist dick und schwer, wie sein Autor. Der heißt Helmut Kohl. Ich suche die Stelle, an der ich eingeschlafen war. Ob er beschreibt, welchen Vorstandsjob seine Geldspender ihm zugeschustert haben? Ich habe das Gefühl, dass ich es nie erfahren werde. Ein Gähnkrampf zerreißt mir fast den Kiefer.

— Der Autor ist Deutschlands bekanntester Gastrokritiker und kennt sich auch bei Katzen aus. Ganz besonders bei Frau Hoffmann, seiner schlauen Mitbewohnerin. Sie hat zu allem etwas zu sagen.

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