Berlin : Alles heiße Luft

Gemeinde will Kirche innovativ heizen: mit Wärme aus dem U-Bahnhof. Bezirk blockt ab.

Nora Tschepe-Wiesinger

Die Idee klingt zunächst skurril. Eine Kirche in Wedding soll mit U-Bahn-Wärme geheizt werden. Pfarrer Michael Glatter der evangelischen Gemeinde Sankt Paul am U-Bahnhof Pankstraße setzt sich für eine kohlendioxidneutrale Beheizung seiner Kirche ein. Geplant ist ein gemeinsames Projekt mit den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG), bei dem die Wärme des U-Bahnhofs Pankstraße mithilfe eines Wärmetauschers in die Fußbodenheizung der Kirche eingespeist werden soll. Das Tiefbauamt Mitte aber lehnt das Vorhaben ab. Derzeit wird die Kirche mit Erdgas geheizt.

Der Schinkelbau soll nach den Vorstellungen des Pfarrers vollständig von der Erdgasversorgung abgekoppelt und ausschließlich mit U-Bahn-Wärme geheizt werden. Die BVG beheizt auf diese Art schon eine ihrer Betriebswerkstätten in der Turmstraße. Die Verkehrsbetriebe sehen das Vorhaben von Pfarrer Glatter positiv. „Das Projekt ist theoretisch möglich“, sagt ein BVG-Sprecher.

Für Pfarrer Michael Glatter wäre diese Art des Heizens eine „Umsetzung der Energiewende in kleinen Schritten vor Ort“. Seine Gemeinde bezieht bereits ihren Strom aus erneuerbaren Energien; bis Ende 2014 ist darüber hinaus eine komplette energetische Sanierung des Gemeindehauses vorgesehen. Was innovativ klingt, ist in der Praxis aus Sicht des Tiefbauamts unmöglich – zumindest so, wie Glatter es sich vorstellt. Für das Heizungsprojekt müssten zwar nur 14 Meter Rohre verlegt werden, aber der Berliner Bodenraum sei knapp bemessen und ausschließlich den öffentlichen Leitungen vorbehalten. Wenn man die Rohre so verlege, wie es die Gemeinde vorschlage, bleibe kein Platz mehr für öffentliche Wasser- oder Telekomleitungen, sagt der Leiter des Tiefbauamtes Mitte, Harald Büttner.

Das sieht Marcus Nitschke anders. Er ist Leiter von „D:4“, einem Architekturbüro, das Kirchengemeinden bei Sanierungs- und Energiesparmaßnahmen berät. „Es ist genug Platz für Leitungen da“, sagt er. Das Tiefbauamt wolle diesen nur für mögliche Zukunftsprojekte freihalten. Die Kirchengemeinde erwägt deshalb, vor Gericht zu ziehen – sollte der gestellte Bauantrag abgelehnt werden. Das Tiefbauamt hat zwar einen Kompromiss vorgeschlagen, aber dabei würden die Rohre durch den Keller des Nachbargrundstücks verlaufen. Davon ist der Nachbar offenbar wenig begeistert. Nora Tschepe-Wiesinger

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