Berlin : Alles in Bewegung

Natürlich wäre es bequemer, im trockenen Atelier geruhsam vor sich hin zu malen, aber solche Bequemlichkeit hat André Krigar nie interessiert. Und selbst wenn es beim Arbeiten im Freien mal Ärger gibt, ist ihm dies als zusätzlicher Ansporn nur willkommen. Warum das so ist, hat er Ulrich Clewing erklärt

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MEIN BILD VON BERLIN (7): ANDRÉ KRIGAR

Wenn er so auf seinem Hocker sitzt und arbeitet, steigt manchmal die Wut hoch in André Krigar. Auf die Autos, den Lärm, den Gestank, die Leute, die ihn anpöbeln. Das sind besondere Momente, denn diesen inneren Ärger kann er gut gebrauchen, um das zu malen, was ihn umgibt: Bewegung, Geschwindigkeit, Bilder, die sich ständig verändern. Großstadtleben, Vergänglichkeit. Man könnte den Maler André Krigar für einen Menschen halten, der altmodische Dinge tut. Nach draußen gehen, einen geeigneten Platz suchen, dort die Staffelei aufstellen und drauflos malen wie die Künstler im späten 19. Jahrhundert. Damals hätte man Pleinairmalerei dazu gesagt, heute hat man dafür keinen Namen mehr. Heute haben Künstler ein festes Atelier, einen Computer oder eine Videokamera, aber doch keinen Handkoffer voll mit Farben.

Natürlich hat auch André Krigar eine Werkstatt, schön gelegen in einer idyllischen Lichterfelder Nebenstraße in der Nähe des Botanischen Gartens. Seine Leidenschaft jedoch ist das Malen unter freiem Himmel, das „Live-Malen“, gerne auch an lauten Orten, am Potsdamer Platz oder nachts am Tauentzien. Dass er dabei hin und wieder in riskante Situationen gerät, stört ihn nicht, im Gegenteil. „Grundsätzlich entsteht jedes Bild unter einem bestimmten Risiko“, sagt Krigar. Und sei es das Risiko, künstlerisch zu scheitern.

Krigar hat schon in Italien, Frankreich, Griechenland, in der Türkei, im kolumbianischen Bogota und auf den Basaren von Kairo gemalt. Das war immer ein Volksfest: Wenn er mit seinen Pinseln und Leinwänden auftauchte, gab es „einen Riesenauflauf“. Und am Ende hatte er jeden Tag „so viel Tee im Bauch“, dass er „nicht mehr laufen konnte“. Dabei ging es ihm nicht um die Aufmerksamkeit, die er bei solchen Gelegenheiten fast zwangsläufig erregte. Viel wichtiger war und ist ihm die „Unmittelbarkeit“ des Augenblicks, die Wahrnehmung bestimmter Vorgänge und seine Reaktion darauf.

„Für mich ist das eine Form von Aktionskunst“, sagt Krigar. Das kann man auch an seinen Bildern sehen. Auf der einen Seite erkennt man auf Anhieb das Motiv, etwa den Blick von der Potsdamer Straße in Richtung Leipziger Platz. Auf der anderen Seite lassen sich bei genauerem Studium der Gemälde überall Spuren der puren Lust am Malen entdecken, Pinselstriche, Farbschlieren, pastose Formationen und abstrakte Flecken ohne konkreten Sinn und nähere Bedeutung. Es ist die Mischung aus Gegenständlichkeit und Abstraktion, die Krigar interessiert, weil sie ihm am besten ermöglicht, das auf die Leinwand zu bannen, was ihn seit dem Fall der Mauer an Berlin am meisten fasziniert: die Dynamik, mit der sich die Metropole verändert.

Bis 1989 hatte er vor allem Figuren und Landschaften gemalt, vielleicht aus einer allgemeinen Sehnsucht heraus, vielleicht aber auch aus Opposition gegen die damals modischen „Neuen Wilden“, die in ihren Bildern jene Stadt usurpierten, in der Krigar 1952 geboren wurde. Mochten seine Kommilitonen an der Hochschule der Künste, die aus Westdeutschland zum Studium hierher gezogen waren, sich ruhig Berlin und sein Nachtleben zum Thema nehmen. Dann konzentrierte er, der Berliner, sich eben auf Hügel, Felder und Wiesen. Das wurde erst anders, als Berlin anfing zusammenzuwachsen. Da kam plötzlich auch Krigar künstlerisch nicht mehr an seiner Heimatstadt vorbei.

Was ihn an Berlin als Motiv speziell interessiert, ist die vergehende Zeit, die man auf diesen Bildern bemerken kann. Damit ist freilich nicht eine bestimmte Zeitspanne gemeint, nicht das Staunen über ein „Vorher-Nachher“ und wie sich doch alles gewandelt hat im Stadtbild. Sondern die Zeit als kunstgeschichtliches, kunsttheoretisches Problem. Wenn ein Maler eine Szene illustriert, dann wirkt dies oft – ähnlich wie bei einer Fotografie – wie eine Momentaufnahme, wie das Festhalten und Einfrieren eines Augenblicks, einer Person, einer Begebenheit. Krigar dagegen betrachtet die Kategorie Zeit als künstlerischen Grundkonflikt: „Stellen Sie sich ein fahrendes Auto vor. Ich frage mich häufig, wie man es anstellt, dass der Eindruck entsteht, das sich das Auto, das man malt, tatsächlich gerade bewegt.“

Das klingt einfach, ist es aber nicht. In der kleinen Zweizimmerwohnung, die Krigar als Atelier dient, gibt es eine Kammer mit einem großen Regal. Bis oben hin ist sie gefüllt mit Gemälden, die der Künstler selbst als misslungen aussortiert hat. Je nach Laune und Tagesform beträgt die Quote bis zu fünfzig Prozent: Auf ein „gutes“, meint Krigar, kommt ein „schlechtes“ Bild. Trotzdem: Die Vorstellung, dass ein einzelnes Bild imstande sein könnte, Bewegung darzustellen, hat Krigar schon früh gefesselt. Als Jugendlicher ist er mit seinem Vater, einem Regisseur und Kameramann, losgegangen, um ihm zu assistieren. So hat er den filmischen Blick quasi von der Pike auf gelernt, lange bevor er ein Kunststudium überhaupt in Betracht zog.

Diese Schule des Sehens hat Krigar nachhaltig geprägt. Es existiert kaum ein Gemälde von ihm, auf dem die Gegenstände nicht irgendwie angeschnitten, aus einer ungewöhnlichen Perspektive betrachtet oder fragmentiert wären. So hatte André Krigar einmal die Möglichkeit, mit seinen Kollegen von der Künstlergruppe der „Norddeutschen Realisten“ auf dem Segelschulschiff „Gorch Fock" zu malen. Schöne Bilder sind da herausgekommen, das Meer, die Wellen, weiße Segel vor blauem Himmel. Wie gesagt, wirklich schön, wenn nur nicht alles so schief und krumm wäre. Ganz schwindelig wird einem da – allein vom Hinschauen.

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