Berlin : Alles Müll, oder was?

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Von Gerd Nowakowski

Sind so kleine Dinge. In der U-Bahn sitzt der Mann auf der Bank gegenüber, holt sich neue Energie aus dem Schoko-Riegel. Wieviel Energie brauchen die Mitarbeiter der BVG, das achtlos fallengelassene Papier aufzuheben? Das kümmert den Fahrgast offenkundig nicht. Die Frau im Restaurant, die vor dem Eintreten noch fix die Kaugummihülle – zuckerfrei natürlich – an den Rinnstein geschnippt hat, macht den Eindruck, als akzeptiere sie in ihrer eigenen Wohnung nur ein klinisch sauberes Designer-Ambiente. Der Raucher am Nebentisch erntet einen vernichtenden Blick – ist eben eine unbelehrbare Umweltsau.

Die Debatte darum, ob mehr Papierkörbe die Stadt sauberer machen oder weniger Müllbehälter, weil die Ausflügler und Spaziergänger dann den Müll wieder aus den Wäldern mit nach Hause nehmen, ist deshalb pädagogischer Natur. Die Kontroverse kann im besten Fall nur unentschieden ausgehen. Wer auf Sauberkeit achtet, der wirft seinen Abfall eben in einen Mülleimer – oder nimmt ihn mit, wenn es keine Tonnen gibt. Doch Misstrauen ist angebracht. Bei manchen Stadträten scheint es weniger ein ökologischer Impuls als die leere Kasse des Bezirks zu sein, die zum Abbau der Papierkörbe treibt. Pädagogik aber hat noch nie funktioniert, wenn es eigentlich um Geld sparen geht.

Singapur in Berlin? Drakonische Strafen für den kleinen Müll auf der Straße? Da lacht der Berliner. Zu Recht. Das passt nicht hierher. Der Müll auf den Straßen und in den Parks aber auch nicht. In seinem Wohnzimmer möchte man den Dreck schließlich auch nicht haben. Genau darauf kommt es an: Die Stadt als das eigene Wohnzimmer zu begreifen und nicht als Freiraum, für den jeder die Lizenz zum Vermüllen hat.

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