Alles Müller : Abschiedsgala für Mercedes-Chef in Berlin

Fast 18 Jahre lang hat er die größte Mercedes-Niederlassung der Welt geleitet: Berlin. Am Mittwoch verabschiedet er sich mit einer Gala in den Ruhestand. Und 400 Gäste kommen.

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Walter Müller: Ein Mann und seine Autos.
Walter Müller: Ein Mann und seine Autos.Foto: imago

Der Abschied: einwandfrei S-Klasse. 400 Gäste, Wowereit, Zetsche, reichlich Stadtprominenz – und zur Untermalung das Filmorchester Babelsberg. Was sich am heutigen Mittwochabend in der Mercedes-Welt abspielt, ist kein Abschied von der Stange, keine goldene Uhr für einen verdienten Rentner, sondern ein Stadtereignis. Walter Müller, der Chef seit fast 18 Jahren, wird mit allem Pomp verabschiedet, und man wird vermuten dürfen, dass er das genießt, auch wenn er es vielleicht nicht so ganz offen durchblicken lässt.

Müller ist gerade 65 geworden und am 31. Dezember ausgeschieden, das ist nun mal so im Großkonzern, der für sein glitzerndes Berliner Großherzogtum keine Ausnahmen macht. Seitdem ist er nur noch besuchsweise im Haus, aber bitte: Er hat es schließlich gebaut und den allergrößten Teil der hier ihren Dienst verrichtenden Mitarbeiter selbst eingestellt. Deshalb gibt es nichts als freundliche Worte, Müller grüßt mit voller Jovialität, wird hier sicher noch öfter vorbeischauen.

Bestnote mit Stern in punkto Kundenzufriedenheit

Wenn es um die Zufriedenheit von Mitarbeitern und Kunden ging, hat er seiner Niederlassung immer die Bestnote mit Stern verdient, das bleibt. „Auf der einen Seite ist da natürlich der Trennungsschmerz“, sagt er, „aber jetzt folgt ein neuer Abschnitt in meinem Leben, und den gedenke ich nicht zu erdulden, sondern möchte ihn gestalten“. Er wolle sich jetzt nicht nur noch die Sonne Mallorcas auf den Bauch scheinen lassen – aber dort mal Golf spielen, öfter als früher, das soll schon sein.

Einer wie er hätte sicher auch im Außenministerium Karriere machen können, die Antworten fließen druckreif, abgewogen, diplomatisch, der noch immer in der Nähe wachende Pressesprecher muss sich keine Sorgen machen. Klar, dass Müllers Telefonnummer gefragt war dieser Tage, denn unter den Großautomobilisten des Landes gibt es keinen sonst, der auch mal zwei Jahre lang persönlich ADAC-Landeschef war. Doch er hielt sich klug bedeckt, spendete dem Präsidenten des Clubs, den er seinen Freund nennt, ein loyales Lob, fertig.

Als Müller Hertha-Präsident war, spielte die Mannschaft in der Champions League

Möglicherweise hat es mal diesen oder jenen gegeben, der aufgrund solcher Äußerlichkeiten meinte, einen gehobenen Frühstücksdirektor vor sich zu haben. Ein größeres Missverständnis ist indessen kaum denkbar, denn Müller galt immer als äußerst durchsetzungsfähig, egal, ob es die Belange seines Arbeitgebers betraf oder eines seiner vielen anderen Engagements. Und oft ging ja auch beides ineinander über wie bei der Bebauung des Potsdamer Platzes.

Die Menschenkenntnis des gelernten Verkäufers, gepaart mit der raumfüllenden Präsenz, die eine Spitzenposition im renommierten Großunternehmen verleiht, dazu die instinktive Sicherheit auf dem Hintergrund einer behüteten Kindheit im Dorf Lützelsachsen an der Bergstraße, wohlgeordnete Familie – all das lieferte eine gute Basis für ein großbürgerliches Leben ohne übertriebene Selbstzweifel. Als Müller Hertha-Präsident war, in der Saison 98/99, da spielte die Mannschaft in der Champions League, ein Zufall, sicher, aber auch Zufälle muss man sich verdienen. Wichtiger ist ihm allerdings, dass er in dieser Zeit gegen den Willen des Vereins den Umbau des Olympiastadions durchsetzte, der sich am Ende als äußerst zweckmäßig und weitblickend erwies.

Trutzburg mit Gardinen bei Amtsantritt

Es gibt bei Mercedes sicher keinen Vorstandsauftrag an den Berliner Statthalter, Einfluss zu besitzen und auszuüben, aber es steckt irgendwie in den Genen. Karl Alexander Deppe betätigte sich nebenbei als humoriger Berlin-Chronist, Müllers Vorgänger Hans-Peter Keilbach gab virtuos die graue Eminenz, und natürlich ist die massive Berlin-Präsenz des Unternehmens nicht denkbar ohne Edzard Reuter, der als Vorstandschef zum Vater des neuen Potsdamer Platzes wurde. Berlin ist, gemessen am Umsatz und der Mitarbeiterzahl, die größte Niederlassung überhaupt, sie besteht seit mehr als hundert Jahren, das verleiht Gewicht, wirtschaftlich wie ideell.

Müller hat bei Mercedes gelernt, nachdem er sein Studium hingeworfen hatte, genervt von Überpolitisierung und dem Druck organisierter Minderheiten. Ein ausgeprägtes Gefühl für den Zeitgeist und die Anforderungen der Moderne ist ihm aber geblieben. Bei Amtsantritt 1996 fand er am Salzufer verblüfft eine Trutzburg vor, „wie ein Werk“ mit Pförtner und abweisender Fassade, „und der absolute Gipfel war, das die Schaufenster Gardinen hatten, die man auch zuziehen konnte“. Das, fand er, ging gar nicht.

Von BMW zurück zu Mercedes

Er ließ abräumen, obwohl die große Berlin-Euphorie gerade zusammenbrach und viele Pioniere Kasse machten, und wagte den großen Wurf der gläsernen Mercedes-Welt, die zum Vorbild für viele ähnliche Gebäude wurde – nicht nur als Autohaus, sondern auch als Bühne vielfältiger Programme. Die im Jahr 2000 gestartete Reihe der vorweihnachtlichen Operngalas, nur ein Teil davon, hat insgesamt mehr als drei Millionen Euro Spendengelder eingebracht.

Als Müller 1996 nach zehn BMW-Jahren vor der Entscheidung stand, zu Mercedes zurückzukehren, war ihm die Marke wichtig – „die A-Klasse hat mir imponiert, das war nicht mehr der Daimler, den ich kannte“ – aber genauso wichtig war für ihn Berlin, „eine andere Stadt hätte mich nicht interessiert“. Diese Regel gilt auch nach Renteneintritt, wenngleich mit einer kleinen Fußnote: Müllers wohnen seit langem in Kleinmachnow, und damit nicht ganz exakt auf Berliner Boden.

Am Donnerstag ist die Feier Geschichte. Walter Müller bleibt außen vor, vertraut auf die Fähigkeiten seines Nachfolgers Jürgen Herrmann. Noch ein Auto mitnehmen? „Ach“ schwärmt er, da unten steht dieser 190 SL“, ein 1959er Cabrio, silbern mit roten Ledersitzen, der würde mir schon gefallen“. Also, Mercedes, falls eventuell noch ein Geschenk gesucht wird...

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