Berlin : Alles nur Fassade: Leben in der Karl-Marx-Allee

„Was, da wohnt jemand?“, fragen Berlin-Touristen auf der Prachtstraße. Klar, sagt Charitas Urbanski. Und zwar seit 51 Jahren. Eine Begegnung

Marc Neller

Charitas Urbanski könnte ein Museumsstück sein. Etwas seltenes aus früherer Zeit. Die Straße und das Haus jedenfalls, in dem sie wohnt, gehören zur Geschichte. Zur Geschichte des gescheiterten Sozialismus. Wenn Besucher auf ihren Rundfahrten durch die Karl-Marx-Allee fahren, erschrecken sie, wenn der Reiseführer sagt, dass hinter den elfenbeinfarbenen Fassaden Menschen wohnen.

Aber wenn die Besucher Soziologen oder Fotografen sind, dann klingeln sie und fragen nach dem Leben hinter der Zuckerbäckerfassade. Wie Ylva Queisser und Lidi Tirri. Die beiden Frauen haben ein Buch über die Anwohner der Karl-Marx-Allee geschrieben. Sie waren auch bei Charitas Urbanski. Sie wohnt seit 1953 hier. Damals hieß die Straße noch Stalinallee.

15. Januar 1953. Die neuen Prachtbauten sind gerade bezugsfertig, als Charitas Urbanski und ihr Mann Herbert einziehen. Anfangs sind die Paläste für die verdienten Arbeiter, später ziehen Funktionäre nach. Die Urbanskis sind verdiente Arbeiter mit Glück. Sie wohnen Block C-Süd, fünfter Stock. Es ist kein großer Umzug. Sie haben um die Ecke gewohnt. Aber es ist eine große Veränderung. Von einer abrissreifen Unterkunft in eine Luxuswohnung mit zwei geräumigen Zimmern, großem Bad und mit Südbalkon. Und auch wenn der Aufzug nicht gleich funktioniert, es gibt ihn.

„Ein Traum war das“, sagt Charitas Urbanski. Heute ist sie 80. Die Wohnung hat sich kaum verändert. Im Wohnzimmer steht die geblümte Sitzgarnitur, mit der sie hierher gekommen sind. Auf der dunklen Schrankwand tickt die Uhr. Ihr Mann hing an der Einrichtung. „Kannst ja alles anders machen, wenn ich mal nicht mehr bin“, hat er zu seiner Frau gesagt. Seit zehn Jahren ist er nicht mehr. Im Schlafzimmer steht jetzt ein kleines Seniorenbett, wo das Ehebett stand. Alles andere ist geblieben wie es war. Einerseits.

Andererseits ist doch alles ganz anders. Schnell wurde der SED-Führung klar, dass die Stalinallee doch kein sozialistisches Vorzeigeprojekt würde. Die aufwändigen Häuser waren ein viel zu teurer Irrtum. Sie wurden bald vernachlässigt und verkamen bis zur Wende. Aber die Fassaden blieben. Und die Menschen dahinter sind heute das ewige Klischee leid: Die Stalinbauten stehen für die gescheiterte Architektur einer gescheiterten Staatsform. Also kann es darin nur Ostalgie geben? Ein DDR-Museum? Charitas Urbanski schlägt die Hände vor die Augen und lacht. „Also ick komm mir noch sehr lebendig vor.“ Anderen Erstbewohnern geht es ähnlich.

Stimmt schon, die Straße fällt immer durch. Immer wieder gibt es Pläne, was Großes aus der Karl-Marx-Allee werden kann. Es klappt dann doch nicht. Weil das Geld fehlt. Weil hier einfach kein Zentrum entstehen will. Manfred Pagel, Block E-Süd, sagt: „Gut, dass es die Straße gibt. Sie ist ein städtebauliches Zeugnis, dass es in Deutschland den Versuch gab, eine Alternative zur bürgerlichen, kapitalistischen Gesellschaft zu errichten.“ Andere sagen, man muss das einfach mit Humor nehmen. „Und Schluss. Wir leben doch gerne hier“, sagt Horst Kornek, Block C-Nord. Mit 75 Jahren gehört er zu den jüngsten Erstbewohnern. Charitas Urbanski sagt, dass ja auch junge Leute einziehen, die im Treppenhaus nett grüßen. Und die Geschichte; na ja, das alte Lied. Nicht hinter jeder DDR-Fassade lebt DDR-Ideologie. Dass sie die Wohnung bekommen haben, war Glück. Sie waren zufällig Privilegierte, beide nicht in der Partei. Die Abschnittsbevollmächtigte mochte damals das junge Paar, es durfte Silvester auf dem Dach feiern. Die Nachbarn waren neidisch. Dass es im Haus immer einen guten Zusammenhalt gegeben habe, „das ist auch so ne Legende“, sagt Charitas Urbanski. Aber so sei das wohl. Die Erinnerung verkläre wohl vieles. Wie immer, wenn man in der Wirklichkeit lebt und nicht im Museum.

Ylva Queisser, Lidi Tirri: Leben hinter der Zuckerbäckerfassade. Verlag Form und Zweck, 2004, 18 Euro.

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