Berlin : Alles nur fürs Qi

Brei statt Schrippen und wenig Fleisch: Die Lehre der fünf Elemente ist die sanfte Art abzunehmen. Schmeckt und liefert Energie, sagen ein Arzt für Chinesische Medizin und eine Ernährungsberaterin

Susanne Leimstoll

Alice Totz gewinnt mit diesem einen Satz. Der macht sie zur Hoffnungsträgerin für Übergewichtige. „Ich bin eine Gegnerin sämtlicher Diäten.“ Sie hat eine Lösung, auch wenn die nicht gleich jedem schmecken wird: Essen nach der Lehre der fünf Elemente. Die Ernährungsberaterin ist eine Leise, sie kommt einem auf die sanfte Tour. Schleicht sich mit ihrem Programm in das Leben der Speckigen und tupft ein paar Veränderungen in deren Speiseplan: Erst mal ab und zu ein bisschen warmen Hirsebrei zum Frühstück statt belegte Brötchen oder kaltes Obst. Lieber Reis mit Gemüse und ganz wenige Fleischbröckchen zu Mittag statt Tellerschnitzel mit Pommes. Abends Ofenkartoffeln mit Kräutern und nicht Käsebrote. So geht das. Und nach einer Zeit, in der der Schwergewichtige merkt, dass er sich wohler fühlt, leistungsfähiger und satter als mit all dem anderen Zeugs, lässt er meist das Pommes-Stopfen und macht sich das Leben leichter.

Dr. Achim Kürten wird mit diesem Satz zum Vertrauensmann. „Jeder Mensch hat ein individuelles Wohlfühlgewicht. Sie müssen keine Norm erfüllen.“ Danke, Doktor. Ohnehin scheinen die Thesen der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) als Trost für Dicke wie gemacht. Sie besagen, dass es sie gibt: die Leichtgewichte, die ohne Figurprobleme durchs Leben hüpfen, und die, die zu Übergewicht neigen. Kürten, Leiter des TCM-Zentrums am St.Hedwig-Krankenhaus in Mitte, für das auch Alice Totz arbeitet, erklärt dies anhand der fünf Elemente Holz, Feuer, Erde, Metall und Wasser. „Der Metalltyp wird immer eher untergewichtig sein, der Erde-Typ eher zu Übergewicht neigen.“ Und doch kann man gegen sein Schicksal anessen – mit Vernunft und gesunden Regeln. Naturbelassene, saisonale Lebensmittel verwenden, nur Frisches zubereiten, nichts Aufgewärmtes essen. Nicht zu viel Fett, nicht zu viel Fleisch. Gut kauen. Kleine Mengen zu sich nehmen. Trinken: eine halbe Stunde vor dem Essen das letzte, eine Stunde nach dem Essen das erste Mal wieder. „Sonst verdünnt man die Verdauungssäfte.“ Optimal funktioniert das Ganze zusammen mit Akupunktur einmal pro Woche.

Das Abnehmziel lautet: nicht mehr als 15 Kilo pro Jahr. „Andernfalls bildet sich die Haut nicht zurück“, sagt Kürten. Und schließlich: nicht in erster Linie das Übergewicht beheben, sondern die Wurzel dafür finden. „Wenn einer zu viel wiegt, ist das auch ein Schutz für ihn.“ Abnehmen fängt im Kopf an. „Da muss es erst mal klick machen“, sagt Alice Totz. Wer seine Denkart nicht ändert, wer nicht versteht, was er da isst, bekommt die Gewichtsprobleme nicht in den Griff.

Also entwickeln Ernährungsberater wie Alice Totz ein individuelles Konzept für ihre Patienten: entweder einen festgefügten Speiseplan oder einfach nur Leitlinien. Die Faustformel lautet: 70 Prozent Getreide (auch Reis, Hirse, Vollkornnudeln), 15 Prozent Gemüse und je fünf Prozent Rohkost, Fleisch oder Fisch, Milchprodukte. Brot? Nur als Beigabe. „Brot“, urteilt Alice Totz, „war das erste Fastfood.“ Ihr Frühstücksvorschlag klingt gewöhnungsbedürftig. Warmer Haferbrei oder Reis mit Kompott, Nüssen, Zimt. Das Getreide – Körner sollten 12 Stunden eingeweicht werden – am Tag vorher zubereiten. Dinkel, Roggen, Hirse, Gerste, Grünkern, Buchweizen, Maisgrieß in Wasser kochen, drei bis vier Stunden ziehen lassen und unter Rühren aufkochen. „Das sollte wie Mus sein.“ Wer so frühstückt, bleibt bis mittags satt. Und die kleine Abendregel: Nach 18 Uhr kein rohes Gemüse. „Das ist schwer verdaulich. Magen und Milz sind morgens zwischen 7 und 11 Uhr am aktivsten, zwischen 19 und 23 Uhr herrscht Ruhe. “ Soviel zur abendlichen Selbstkasteiung mit Rohkostplatte. Fleisch zum Abendessen soll man auch nicht. Denn: „Tierisches Eiweiß am Abend macht dick. Das wird als Schlacke angelegt.“ Adieu Bockwurst und Schinkenbrot. Der Ernährungsalbtraum der Frau Totz aber heißt: Büfett. „Zu viele Sachen. Man nimmt von allem, isst zu viel, weiß nicht mehr, wann man satt ist.“

Ist nun die Lehre von der Stärkung des Qi die Abkehr von allen sinnlichen Genüssen? „Keineswegs“, sagt Alice Totz. „Man soll sich ja nicht alles verbieten. Wenn man schick essen geht, ist das schließlich nicht der Alltag.“

Do, 28. April, 17.30 bis 19 Uhr: Einführung in die Ernährungslehre nach den 5 Elementen. Referent: Dr. Achim Kürten. Ort: Urania (U-Bahnhof Wittenbergplatz).

„Gesunde Kinder – gesundes Berlin“ heißt ein Projekt des Zentrums für Traditionelle Chinesische Medizin. Kinder Alleinerziehender, aus sozial schwachen Familien und Heimkinder können sich gratis untersuchen lassen, erhalten schmerzfreie Akupunktur und Tipps für eine gesunde Ernährung. Schulmedizinische Untersuchungen übernehmen Ärzte, mit denen das Zentrum zusammenarbeitet. Das Zentrum führt Schulungen für Klassen und Jugendgruppen durch. Mehr Infos unter Tel.23112527 oder www.tcm-berlin.de

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