Berlin : Alles nur Show

Zwölf junge Leute bauen in Mitte ein Mietshaus aus – wer nicht schuftet, fliegt

Thomas Loy

Sophie, die hübsche Blondine aus München, hat sich beim Ofenabriss die Fingerkuppe weggehämmert. Jetzt ist da ein dunkelroter Schorfhügel, aber Sophie hat keine Angst, dass ihr telegenes Äußeres darunter dauerhaft leiden könnte. Zum Glück war ein Kamerateam dabei und hat die blutige Schreckensszene aufgenommen. Vielleicht gibt es jetzt einen Mitleidsbonus für die Zwillinge Sophie und Jenny aus München. Sie wollen unbedingt die 250 000 Euro teure Wohnung in der Choriner Straße 14 gewinnen, weil das „Nightlife“ in Berlin noch besser ist als in München. Und beruflich gebunden sind sie an Bayern auch nicht. „Wir orientieren uns noch.“

Der Spaßsender RTL II hat mal wieder eine Real-Life-Soap aufgelegt. Diesmal muss keiner in den Dschungel oder in einen Container. Die zwölf Kandidaten leben in einem richtigen Mietshaus, müssen aber, weil es ziemlich baufällig ist, Böden rausreißen, Keller trockenlegen, Putz abschlagen und überhaupt alles machen, was bei einer Generalsanierung so anfällt. Weil die meisten vom Bauen so viel verstehen wie ein Hahn vom Eierlegen, arbeiten sie mit einem Profi-Bautrupp zusammen. Drei Kamerateams halten die wichtigsten Ereignisse fest.

Gearbeitet wird wie im Baugewerbe üblich von 7 bis 17 Uhr. Die Baustelle darf nach Feierabend aber nicht verlassen werden. Die Kandidaten essen und schlafen in zwei notdürftig möblierten Wohnungen, den „Basislagern“. Es gibt zwei Schlafzimmer mit je sechs Betten, eine ramponierte Küche und ein ranziges Badezimmer. Diese kasernenartige Schlichtheit gehört zum Sendekonzept. Es soll auf den Fernsehbildern nach „Blut, Tränen und Schweiß“ aussehen, sagt Dirk Windgassen von „spin tv“, der Produktionsfirma.

Seit zwei Wochen sind die Kandidaten, aufgeteilt in sechs Teams, schon am schuften. In vier Wochen soll der Sieger ermittelt sein. Bis dahin müssen zumindest zwei Wohnungen im Haus fertig saniert und eingerichtet sein. Demnächst beginnen die Rauswürfe. Wer schlecht arbeitet oder sich sonst irgendwie unbeliebt macht, wird vom Plenum aller Kandidaten abgewählt. Architekt und Bauleiter können jedoch jedes Mal ein Veto einlegen, um so ein besonders fleißiges Team zu schützen.

Sich unbeliebt zu machen, ist recht einfach. Das enge Zusammenleben geht schon jetzt den meisten auf die Nerven. Nico aus Hohenschönhausen, 39 Jahre alt, beklagt sich beispielsweise über die mangelnde „Kinderstube“ der jüngeren Teilnehmer. Putzen, Abwaschen und Aufräumen wird von einigen systematisch vernachlässigt. Namen darf Nico jetzt nicht verraten, sonst hat er schon einige Gegenstimmen sicher.

Eine interessante Beobachtung ist, dass beim Aufeinanderprallen der Fernsehsphäre mit der Bausphäre meistens das Fernsehen gewinnt. Fast alle Frauen schminken sich vor Arbeitsbeginn. Die blonden Zwillinge Sophie und Jenny stehen schon vor Sechs auf, um als erste den Platz vorm einzigen Spiegel zu besetzen. Nina, Eventmanagerin und Dragqueen, empfiehlt, die Schminke wie beim Theater besonders dick aufzutragen. Hilfreich ist auch, sich vor besonders schweißtreibenden Tätigkeiten zu drücken. „Ich koche am liebsten den Kaffee für die Bauleute.“

Beim Casting waren bautechnische Vorkenntnisse nicht unbedingt ausschlaggebend, sagt Windgassen. Wichtiger war die „interessante Mischung“ aus jungen und älteren, aus extravaganten und eher zurückhaltenden Paaren. Von einer Fernsehkarriere träumen die wenigsten. Ariann, Mediendesignerin, hat Stress mit ihrem Vermieter und wünscht sich nichts sehnlicher als eine Eigentumswohnung in Mitte. Zudem kennt sie das Haus Choriner 14. Früher hat sie dort in einer WG gewohnt.

Merdin, 22, und sein Kumpel Alexander, 28, aus Köln sind schon vor dem eigentlichen Wettbewerb rausgeflogen. „Sie haben sich den Anweisungen des Bauleiters widersetzt“, sagt Windgassen dazu knapp. Dabei hatte zumindest Merdin („Beruf: Mal hier, mal da“) beim Start genaue Vorstellungen von seiner ersten eigenen Bude: „Marmorböden im Bad, Ledersofas vom Feinsten, geile Einrichtung, Mann.“

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