Berlin : Alles Plastik

Bernd Matthies

hat mit der Bahn eine Zeitreise gemacht Die Theorie mag ein wenig überraschend sein, aber sie hat die Tatsachen auf ihrer Seite: Den Zustand der Gesellschaft erkennen wir an den Sitzen ihrer Verkehrsmittel. Die S-Bahn unter DDR-Regie beispielsweise: Hartholz, knapp gebogen, stasihaft unverrückbar verschraubt. Dann die frühe West-Variante, Modell Wirtschaftswunder: prall gepolstert wie ein Industriellen-Konto, samtig weich bezogen. Die Zeiten wurden rauer, es kamen die Schlitzer auf, und als es nichts mehr half, überall Pflaster draufzukleben, bot man ihnen die Stirn mit dünnen Pölsterchen, die einen zähen Kern verbargen, so zäh wie die Mühen der Wiedervereinigung. Als Bezug setzte sich kreischbunt gemustertes Plastik durch, das die Krakler abschrecken sollte, es wurde mit Holzschalen experimentiert, wie in der DDR, aber ergonomischer, und nun sind wir in der U-Bahn bei schnöden Plastikschalen angekommen. Der wohl nächste Schritt: nur Stehplätze. Die dazu passende Gesellschaft möchte man sich kaum noch vorstellen.

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