Berlin : Alles Roger

Abschied ist ein scharfes Schwert: Davon weiß Roger Whittaker ein Lied zu singen. Also geht er nicht in Rente, sondern kümmert sich um die Fans. Bald ist er in Berlin.

Deike Diening

Roger Whittaker hat mehrere gute Gründe, die Deutschen zu lieben. Zunächst einmal „sind sie ehrlich genug, eine CD zu kaufen, statt sie zu kopieren“. Will er durch das Land touren, sind die Distanzen in einer „bequemen Autobahnfahrt“ zu bewältigen. Und schließlich schert sich niemand darum, dass Whittaker zwar deutsch singt, aber nicht versteht, was er damit sagt: Seine Aufnahmen im Studio sind phonetisch, die Aufnahme im Publikum frenetisch.

Whittaker sitzt jetzt vor zwei KPM-Vasen im Hotel Kempinski und spinnt sein Garn. Der 66-Jährige holt die blaue Süßstoffdose für den Kaffee aus der Tasche. Ja, ja, vor zwei Jahren wäre er beinahe in Pension gegangen, aber nur beinahe. Denn da bat ihn seine Plattenfirma noch einmal zum Tanz. Die neue Platte „Mehr denn je“ sei dann so gut geworden, dass er das Wort „Pension“ nie wieder in den Mund nehmen werde. Sondern im Gegenteil – im Frühjahr eine Deutschlandtournee geplant hat.

Whittaker ist wohl der einzige, der sein Publikum bei seinen Konzerten nicht nur mit Gesang, sondern auch mit ganz normalem Pfeifen unterhält. Wie er das übt, kann er nicht sagen, von dem Erfolg des Pfeifens war er selbst überrascht. Manchmal bringt er seinem Publikum während eines Konzerts das Pfeifen Afrikas bei, das er noch aus Nairobi kennt. Er macht es vor, und es klingt viel dunkler, dunkel wie ein Kuckuck.

Ansonsten ist der Sänger selbst ein großer Nestbauer, mit Fragen zu seiner Familie kann man ihm kaum zu nahe treten. Auf der Webseite berichtet seine Frau Natalie ohne Scheu darüber, wie sie in ihrem neuen Haus in Irland im Gewächshaus auf den Knien liegt, wer sich in der Familie mit wem verlobt und welche Abschlüsse gemacht hat, und wie viele Kinder und Enkelkinder sie um den Weihnachtstisch sein werden (je fünf). Sie bereitet in ihrem Haus, keine 300 Meter vom Fluss Shannon, schon alles vor. Zur gleichen Zeit gesteht ihr Mann in Berlin, dass er auch gerne mal zu Hause vor sich hin singt, und dass seine Natalie seine Musik „eigentlich gar nicht hört“, sondern viel lieber Opern. „Das ist bloß meine Musik“, sagt er und zuckt mit den Schultern, als handle es sich dabei um seine kleine verschrobene Eisenbahnlandschaft unter’m Dach.

Einmal, während eines Aufenthalts in Rom, es war mitten im Juli und regnete täglich, da hat Natalie jeden Nachmittag vor lauter Langeweile geschlafen. „Und jedes Mal, wenn sie danach aufwachte, hatte ich ein neues Weihnachtslied fertig. Das habe ich ihr dann vorgespielt.“ So funktioniere das mit seiner Inspiration, haha, an nichts gebunden, außer Ruhe und Zeit. Er weiß: „Je länger man an einem Song arbeitet, desto erfolgloser wird er.“ In Irland verschwende man seine Zeit nicht. Es ist ideal für Einfälle, da kann man fischen und golfen, und Songs fallen einem einfach so ein.

Wenn er am 24. Mai im ICC mit seinen Tonleitern fertig ist, wird er vor dem Konzert noch eine ruhige Partie Backgammon spielen. Bloß Aufzüge, die könnten die Deutschen in ihre Konzerthallen schon einbauen. Dann müsste nicht einer wie er, mit seinen Stahlknien, Hunderte von Stufen steigen.

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