Berlin : Alles schnell, nichts schön

Wenn Fünfkämpfer ihre Disziplinen an einem Tag trainieren

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Von Jörg Petrasch

Rudolf Trost kennt Jürgen Röber. Mit Herthas ehemaligem Trainer hat Trost schon Kaffee getrunken, ganz entspannt. Das ergab sich, als beide auf dem Gelände des Olympiastadions ihrer Arbeit nachgingen. Der gebürtige Österreicher Trost ist seit 26 Jahren Landestrainer der Modernen Fünfkämpfer. Und über eines ärgert er sich schon lange: „Ich sehe ja täglich, was die Hertha-Spieler trainieren und dabei verdienen“, sagt der 62-Jährige, „aber was ist Hertha im Verhältnis zu dieser Mannschaft?“

Diese Mannschaft. Die Nationalmannschaft der Herren. Zwei von dreien, die beiden Berliner Eric Walther und Sebastian Dietz, betreut Trost als Heim- und Landestrainer schon von Kindesbeinen an. Zusammen mit dem Schwaben Carsten Niederberger gewannen sie im Juli WM-Gold in der Staffel. Berufssoldat Walther wurde außerdem Dritter im Einzel. „Was diese Jungs leisten, kann man gar nicht hoch genug bewerten“, sagt Trost. Schießen, Fechten, Schwimmen, Reiten und Laufen – in dieser Reihenfolge, an einem Tag. Natürlich sind die Einzelergebnisse durchweg schlechter als bei den Spezialisten. „Man muss die einzelnen Disziplinen aber auch im Fünfkampf-Zusammenhang sehen“, sagt BWL-Student Dietz. Das Ganze ist also mehr als die Summe der Teile.

Besuch beim Training. Morgens um 8 Uhr 45 sitzen Eric Walther und Sebastian Dietz bereits auf den Pferden. Einlaufen, traben und dann Sprungtraining über 1 Meter 20 hohe Hürden. In der Reithalle staubt es, ab und zu knallt die Peitsche wenn die Pferde nicht so recht wollen. Richtig elegant wie bei den Spezialisten sieht es nicht aus. Aber darauf kommt es auch gar nicht an. „Wir müssen schnell reiten und nicht schön“, sagt der 28-jährige Dietz. Vor allem aber benötigen sie noch eine andere Fähigkeit: die nämlich, sich in kürzester Zeit auf fremde Pferde einzustellen. Denn vor einem Wettkampf werden die Vierbeiner ausgelost. 20 Minuten einreiten, dann geht es schon über die Hürden. Dass man ein Pferd sein ganzes Leben lang kennt, gibt es beim Fünfkampf nicht. Einfühlungsvermögen ist gefragt.

10 Uhr 30. Fechthalle. An diesem Tag trainiern noch Junioren mit. Anfangs stehen sich Walther und Dietz gegenüber. Dann wird im Pool gefochten. Mit dem Degen, jeder gegen jeden. 17 Gefechte auf 5 Punkte. Die Schuhe quietschen. Alles kurze, blitzschnelle Aktionen. Die Klingen verbiegen sich beim Treffer. Manchmal gibt Fechtmeister Trost auch Lektionen – also Einzeltraining. Seine Schützlinge sollen möglichst nervenstark sein. Beim Finalwettkämpfen gibt es 31 Gefechte. Jeder gegen jeden. Und nur bis zum ersten, nicht wie im Training bis zum fünften Treffer. Auch hier gilt: Zeit zum Einstellen gibt es kaum. Ein kleiner Fehler, und man gratuliert seinem Gegner. Die Fechter schwitzen. Unter ihren Masken sind die Gesichter vor Konzentration verzerrt.

Um 12 Uhr 30 ist Mittagspause. Dietz und Walther fahren nach Hause. „Früher habe ich oft einen Mittagsschlaf gemacht“, sagt Walther. Heute nicht. Das Training war bisher nicht so hart, die Saison klingt bereits aus. Deshalb ist Trost auch nachsichtig, als der 27-jährige Oberfeldwebel der Sportförderkompanie zu spät zum Schwimmen kommt. Dietz dagegen muss heute nicht ins Wasser. Beide haben ihren individuellen Trainingsplan. Drei bis vier Disziplinen pro Tag.

16 Uhr. Walther lockert sich und taucht ins Becken ab. Drei Bahnen weiter rechts planscht eine Kindergruppe im Wasser. Schwimmen ist mit Laufen und Reiten Walthers stärkste Disziplin. Da ist er bei den Fünfkämpfern absolute Weltklasse. „Die 200 Meter Kraul schwimmt er ungefähr so schnell wie Franziska van Almsick“, sagt Trost. Also um die 1.57 Minuten. Das ist ziemlich gut, denn die Fünfkämpfer haben ein großes Handicap: „Fechten und Schwimmen beißen sich“, sagt der Trainer.

Beim Fechten braucht man extrem kurze Muskeln für die Schnellkraft und beim Schwimmen lange und eher ausdauernde. Wenn der Sportler das eine zu viel trainiert, wird er automatisch in der anderen Disziplin schlechter. Deshalb ist der Wechsel von Fechten zum Schwimmen im Wettkampf auch so hart, genauso wie vom Reiten zum Laufen. Auf die richtige Balance der Muskeln kommt es vor allem an. Und das zu perfektionieren dauert. Daher erreichen die Athleten, anders als in vielen anderen Sportarten, ihre besten Leistungen auch erst im Alter zwischen 25 und 35 Jahren.

Nach einer Stunde und etwa 2,5 Kilometern steigt Eric Walther aus dem Wasser. Durch die zahlreichen Kurzsprints ist er völlig außer Atem. Aber es geht gleich weiter. Er duscht kurz und fährt nach Hause zum Laufen, noch ein, zwei Stunden im Wald. Um die neun Minuten braucht er beim Wettkampf für die 3000 Meter durchs Gelände. Am nächsten Tag steht dann auch Luftpistolenschießen auf dem Trainingsprogramm: auf 10 Meter Entfernung. Das ist vor allem eine Frage des Talents. Fortschritte sind hier viel schwerer zu erzielen. „Man wird aber insgesamt stetig besser“, sagt Dietz, „und das motiviert.“ Am vergangenen Wochenende fand das Weltcup-Finale statt. Walther wurde Achter, Dietz kam auf Platz vierzehn.

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