Berlin : Alles so schön laut hier

Eine Jugendmesse wie ein riesiges Popkonzert: 120 000 Besucher drängelten sich bisher auf der „You“ – Heute kommen „Oli P.“ und „Band ohne Namen“

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Zu Hunderten stehen sie zwischen den rot-weißen Absperrgittern und warten. Die Augenbrauen scharf gezupft, die Hosen oben knapp, unten weit, Turnschuhe, Kaugummi. Von schwarz gekleideten Security-Männern (ganz wichtig, mit Knopf im Ohr) lassen sie sich bereitwillig die Rucksäcke durchsuchen, gelegentlich wird eine Flasche Sekt konfisziert. Aber niemand mosert. Ganz im Gegenteil „Wie auf einem Popkonzert“ sei es hier, schwärmt die 14-jährige Jessica. Und genau das wird sie in den Hallen auf dem Messegelände auch erwarten. Die „You“, nach Veranstalterangaben Europas größte Jugendmesse, ist vor allem eines: laut. Aber auch voll. An den ersten beiden Messetagen kamen schon fast 120 000 Besucher.

Ein Rundgang über die „You“ ist ähnlich aufschlussreich wie das Studium des Anzeigenteils in der „Bravo“. Ein paar Krankenkassen schlagen sich wacker zwischen den Anbietern von „Outfitsportlifestyle“, wie der offizielle Untertitel der Messe lautet. Gestern kamen fast 70 000 Teenies, bis Sonntagabend werden mehr als 170 000 erwartet, das sind 170 000 potenzielle Konsumenten. Vielleicht am meisten ins Zeug legt sich der Handy-Hersteller Nokia, der zwei stattliche Snowboard-Pisten mit echtem Schnee aufgebaut und dafür gleich eine halbe Halle gemietet hat. Gut drei Viertel der Besucher an diesem Sonnabend sind Mädchen. Die Aussteller müssen das erwartet haben. Denn ihre Zielgruppe interessiert sich offenbar vor allem für Damenbinden (vorzugsweise im Spezial-Schnitt für Stringtangas), Tampons und Haarspray sowie in zweiter Linie auch für Kondome, Eis, Fastfood, Musik und Film. Und sie ist gnadenlos. Was nicht gefällt, landet auf dem Boden – was eine authentische Love-Parade-Atmosphäre erzeugt. Die zehn Euro vom Taschengeld abzuzweigen, ist für die meisten offenbar kein Problem: „Auf der Viva-Bühne gibt es dafür ja auch ein geiles Musikprogramm“, sagt Michael. Heute kommen etwa „Oli P.“ und „Band ohne Namen“.

Klaus Böger, Schirmherr der „You“, muss da etwas missverstanden haben. Er freue sich, schreibt der Jugendsenator in seinem Grußwort im kleinen Katalog, „dass Aus- und Fortbildungsangebote auf der Messe im Vordergrund stehen. Die ,You‘ trägt damit dem wachsenden Bedürfnis der jungen Generation zur Information und Beratung über berufliche Perspektiven Rechnung.“

Vor dem Info-Lastwagen des Bundesministeriums für Bildung und Forschung herrscht jedoch gähnende Leere. Nach dem Messebesuch weiß Jessica aber immerhin etwas über das Berufsfeld als Promoterin. Denn die türkisfarbenen „o.b.“-Engel sind nun wirklich nicht zu übersehen. Jörg-Peter Rau

„You“, noch Sonntag, 10-19 Uhr, Messegelände Eingang Süd. Eintritt 10 Euro.

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