Berlin : Alles so schön rund hier

Der Fußball ist immer und überall. Er hat Berlin überrollt Man muss nicht unbedingt im Stadion oder auf der Fanmeile sein, um das WM-Gefühl zu spüren

Lothar Heinke

Was braucht man, um Stimmung herbeizuzaubern? Ganz wenig. Ein Keyboard, eine Trompete, einen, der sich damit in die Ohren schmeicheln kann. Eine Bank, ein volles Glas. Sonnenschein. Die Welt ist okay. Hinter uns säuselt sich die gelbe Tram übers Gleis, vorn dreht sich ein Kran, links sprudelt die Nuttenbrosche, wie sie von Anfang an den Brunnen getauft haben. Der Berliner würde sagen: Hier siehste ma wieder, wie man aus Scheiße Gold macht, hochdeutsch: improvisiert. War der Alex bis gestern nicht furchtbar hässlich? Voller Baustellen? Und Staub? Und Krach? Und nun? Die Baustellen sind immer noch da, aber verdeckt von bunten Plakaten. Und mittendrin diese Oase, die sie „Alex-Kick“ nennen, wo sie „Fußballfieber“ über die Speisekarte schreiben. Es gibt „Wadenbeißerbrötchen mit Knacker“. Der Verkehrsstrom schwappt an dem grünen Teppich, den sie mal rasch über die Betonsoße gelegt haben, vorbei, alle finden das ganz nett, und wenn sie Lust haben, kommen sie auf einen Drink vorbei.

So lässig, so entspannt zeigt sich uns die Stadt, gestern Mittag, ohne Direktübertragung, aber dennoch mit schnellerem Pulsschlag, den die WM bestimmt – die Spiele sind immer und überall dabei. Sie fahren mit den Fähnchen an manchen Autos durch die Straßen, auf denen immer mehr Leute mit merkwürdigen Hüten und nationalen T-Shirts über der breiten Brust flanieren. Der Linden-Boulevard ist sogar ratz-batz fast baustellenfrei, es fällt schwer, richtig fußballfreie Zonen zu finden. Die Neue Wache oder die Marienkirche vielleicht, aber sonst? Selbst im Innern der alles überschwebenden Fußball-Fernsehturmkugel, im Tele-Restaurant, hängen alte Fußballgötter an der runden Wand, und auf den Rand der Tischdecken haben sie eine Hoffnung als unverfängliche Frage gedruckt: „Das Wunder von Berlin?“ „Deutschland Turniersieger 2006?“ Wohin man in diesen Tagen blickt, grinst einem ein Ball entgegen. Grinsmann.

Was passiert eigentlich auf der Fan-Meile mittags, wenn die Fußballerbeine im Wellness-Honig-Bad ruhen und der Normalfan neuen Toren entgegenträumt? Zunächst wirst du neben dem Brandenburger Tor nach verbotenen Gegenständen (Flaschen, Waffen, Leuchtkugeln, Leitern, Hocker, Reisekoffer) abgetastet, dann läuft man über die verkehrsfreie Straße des 17. Juni wie über einen dieser kanarischen Strandwege, statt Meer gibt es „das offizielle Wasser der Fifa-WM 2006“, entspanntes Bummeln ist angesagt, einmal von Crêpes zu Bratwurst und zurück, zwischendurch kann sich jeder am Stand einer Kreditkartenfirma derart fotografieren lassen, dass das Plastikkärtchen mit einem Foto versehen wird, auf dem du entweder Herrn Pelé umarmst oder unser aller Klinsi, der schon mal den Goldpokal in der Hand hält. Die großen Leinwände, die Buden und Tische, das Riesenrad – es ist ein fröhlicher Rummelplatz für jedermann. Er verwandelt das Bild der Innenstadt ebenso wie die Arena vor dem Reichstag, jenes Mini-Stadion, das sie auf jenen heiligen, jahrelang gepflegten Rasen geknallt haben – kaum einer der 10 000 Fans, der da drin sitzt, denkt darüber nach, wer Glück hat, bekommt für die nächsten Tage noch Karten für die Übertragungen der Spiele, Eintritt: drei Euro.

Auf der Suche nach einem Stückchen fußballlose Zone wird man nicht einmal in der Akademie der Künste am Pariser Platz fündig: 32 Fußbälle sind Teil einer Ausstellung, jede dieser Pillen steht für ein Land und gibt nach dem Spiel die jeweilige Rundfunkreportage wieder. Übrigens hat der neue Akademiepräsident Klaus Staeck sein Plakat von 1997 aufgehängt. Da steht in gelber Schrift auf rotem Foto-Hintergrund: „Ein Volk, das solche Boxer Fußballer Tennisspieler und Rennfahrer hat, kann auf seine Uniwersitäten ruhig verzichten!“

Apropos Kunst: Auch in der Leibnizstraße, nahe dem Ku’damm, überfällt uns plötzlich das Feeling der WM: In der Galerie Zandi hängen zwei riesige Porträts, die Galina Galatascha von Michael Ballack und David Beckham gemalt hat: Knallige Farben, Fotorealismus mit Öl auf Leinwand, kostet so um die 5000 Euro und strahlt durchs Schaufenster ins vornehme Viertel.

Im neuen Hauptbahnhof halten Hektik und Turbulenz um den modernsten Weltbahnhof an. In einer DB-Lounge in der 1. Etage ist der Zugang kostenfrei „für Reisende mit Fernverkehrsfahrscheinen 1. Klasse“. Da kann auch ferngesehen werden. „Und der Warteraum 2. Klasse?“ „Haben wir nicht“. „Und wo kann man als Reisender die Spiele verfolgen?“ „Hier nicht. Aber halt mal – jaaaa! In der Halle vom Bahnhof Zoo . . !“

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