Berlin : Alles verstopft

Während des Skaterrennens ging in Schöneberg nichts mehr

Jörn Hasselmann

Anfangs wurde den Autofahrern noch mit einem freundlichen Lächeln der Weg gewiesen. Doch schon um 16 Uhr stand den beiden Polizistinnen an der Martin-Luther-Straße der Schweiß auf der Stirn, entnervte Autoinsassen wurden angebrüllt, „Nicht pöbeln, weiterfahren!“ Mit Weiterfahren war nichts mehr am ersten Marathon-Sonnabend. In der City herrschte Verkehrschaos.

Der Fahrer des großen, dreiachsigen Reisebusses aus einer westdeutschen Kleinstadt dachte sich nichts Böses, als die beiden Polizistinnen ihn in die enge Winterfeldtstraße lotsten – die letzte freie Straße vor der Skater-Rennstrecke. Dort stand bereits eine Schlange. Die Polizei hatte den Autofahrern als „Umleitung“ den Viktoria-Luise-Platz genannt. Doch der ist vor allem Fußgängerzone. Auch ein Stück weiter ging nichts mehr. Nach 100 Metern auf der Hohenstaufenstraße hieß es wieder: rechts ab, hinein in die Ansbacher Straße und das Bayerische Viertel. Spätestens hier platzte den meisten der Kragen.

Zwei junge Türken versuchten, die Sperrpoller am Viktoria-Luise-Platz aus dem Asphalt zu brechen, um einen Weg aus dem Chaos zu finden. Als ein Anwohner zum Telefon griff, um die Polizei zu holen, gaben sie auf. In der Ansbacher Straße riss ein Mann die Sperrschranken beiseite. „Ich habe ein kleines Kind im Auto!“ Hilflos sah eine Ordnerin zu. Die Polizei kam eine Viertelstunde später. Da war die Ansbacher Straße auf ganzer Länge zum Parkplatz geworden. Da half auch kein Blaulicht mehr. Mittendrin: ein auffälliges, cremeweißes Cabrio mit Blumenbukett auf der Haube. Eine türkische Hochzeitsgesellschaft. In mehr als einer Stunde hatte die US-Limousine gerade mal 500 Meter geschafft. Doch der Wahnsinn ging weiter. Als die Skater mit Tempo 50 ihrem Ziel entgegenschossen, war der Verkehr in dem Viertel völlig zum Erliegen gekommen, alle Straßen voll gestellt – von vorn bis hinten. Wer auf einer der großen Straßen im Stau stand, versuchte illegale Wendemanöver. Durch Rabatten wühlten sich die Reifen über den breiten Mittelstreifen der Lietzenburger Straße, egal ob der Spoiler am Bordstein schrammte, nur weg hier. Dem einzelnen Polizisten auf der Kreuzung war das völlig egal. „Das hat der Veranstalter SCC uns eingebrockt“, sagte er völlig resigniert. Seit über zwei Stunden stand der Mann an der Ecke Martin-Luther- und Lietzenburger Straße, umweht von Benzinschwaden und wurde aus herabgekurbelten Autofenstern beschimpft.

Wer sich das Chaos am Samstagabend ansah, dem fiel auch auf: Es war wenig Polizei präsent, und wenn, dann standen einzelne Beamte an der Strecke und guckten sich die Skater an. Im Vorfeld wurden die Autofahrer nicht gewarnt oder gestoppt, dazu sei kein Personal da.

18 Uhr: Im Bayerischen Viertel sieht es aus wie im großen Autobahnstau zu Ferienbeginn. Auf das Durcheinander angesprochene Polizisten sagten: „Wir sind heute nur halb so viele wie geplant.“ Das Chaos endet gegen 19 Uhr. Den Anwohnern bleibt nur eine Hoffnung: dass dies der erste und letzte Marathon-Sonnabend war.

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